Humboldt Universität zu Berlin Institut für Bibliothekswissenschaft
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ib-alumni. Absolvententreffen 14.10.2005

Das Wintersemester begann in diesem Jahr mit einem gesellschaftlichen Höhepunkt besonderer Art. An unserem Institut, das seit kurzem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft heißt, fand zum ersten Mal ein Alumnitreffen statt.

Ein kleines Organisationsteam hatte über 200 ehemalige Studierende ausfindig gemacht und für den Abend des 14. Oktober 2005 in das Restaurant ”Cum Laude” im Hauptgebäude der Humboldt-Universität eingeladen. Gekommen waren dann ca. 80 Absolventen, die im Laufe der letzten 50 Jahre am Institut ihr Direkt- oder Fernstudium absolviert hatten. Das Spektrum reichte von einem Absolventen der ersten Studentengeneration bis zu denjenigen, die am Vortag gerade ihre Magisterprüfung bestanden hatten.

Wie bei solchen Anlässen üblich, wurden auch Reden gehalten. Anlässlich des 50jährigen Bestehens des Instituts waren die Redebeiträge der Entwicklung als universitärer Lehreinrichtung gewidmet. Die Festrede von Prof. Dr. sc. Friedrich Nestler, Absolvent des Jahrgangs 1958 und erster Promovend der Bibliotheks-wissenschaft 1963 und Institutsdirektor Anfang der 90er Jahre, rief insbesondere bei den älteren Jahrgängen manche Erinnerungen ins Gedächtnis (Link).

Das "Graben durch den Panama-Kanal", erläutert vom Studenten Ben Kaden, gab einen Ausblick auf die zukünftige Orientierung der Bibliothekswissenschaft (Link). Und schließlich gab es sowohl Begegnungen mit ehemaligen Kommilitonen als auch interessante Gespräche zwischen den "Generationen". Das Alumnitreffen war rundherum ein voller Erfolg.

Die meisten Teilnehmer waren sich darin einig, dass es nicht bei der einen Veranstaltung bleiben und zudem ein Forum für die Kommunikation der Alumni geschaffen werden sollte. Vielleicht könnte man künftig jedes Wintersemester mit einem Alumniabend oder sogar einem Alumnitag beginnen lassen.

(Karla Schmidt)

Über die Anfänge des Instituts für Bibliothekswissenschaft. Ansprache aus Anlass des "Alumni-Treffens" des Instituts für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin am 14. Oktober 2005 in den Räumen der ehemaligen Professoren-Mensa
Friedrich Nestler

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, nun mehr: Alumnae und Alumni!
Mein Vortrag gliedert sich in vier Abschnitte: 1. Bemerkung zum Begriff Anfänge,
2. Faktisches zu den Anfängen, 3. Wahrnehmungen der Anfänge durch einen Angehörigen der im Jahr 1953 registrierten zweiten Matrikel und 4. Gedanken zu den Inhalten und ihren Vertretern.

ad 1. Der Plural Anfänge ist bewusst gewählt; denn es gab im Fall unseres Instituts gleich mehrere Momente, wo etwas begann. Ein Studium der Bibliothekswissenschaft begannen an der Humboldt-Universität erstmalig im Jahr 1952 vier neu zugelassene Studenten. Im September 1952 waren es dann schon mehr als ein Dutzend Neue, und Jahr für Jahr kam ein neues Studienjahr dazu. Aber weder 1952 und 1953 existierte an der Humboldt-Universität eine etablierte Fachrichtung Bibliotheks-wissenschaft noch existierte ein amtlich gegründetes Institut.

Unser Institut wurde im November 1955 offiziell gegründet. Vorher bestand es nur räumlich, das heißt in einigen Räumen der öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek (WB), der nachmaligen Deutschen Staatsbibliothek, und zwar Tür an Tür mit einer Fachschule für wissenschaftliches Bibliothekswesen. Im Jahre 1953 waren die Verhandlungen über die geplante Fachrichtung Bibliothekswissenschaft von seiten der Philosophischen Fakultät nicht abgeschlossen, und erst ab 1960 wurde nach einem vom damaligen Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen der DDR amtlich bestätigten Studienplan gelehrt. So erklärt sich die Wortwahl "Anfänge" aus lapidaren Fakten.

ad 2. Was das Faktische der Anfangszeit angeht, ist an Folgendes zu erinnern: Über die Tätigkeit des Instituts bestimmt die Gründungsurkunde vom 01.11.1955: "Das Institut hat die Aufgabe der Förderung von Lehre und Forschung auf dem Gebiet der Bibliothekswissenschaft, sowie der Erziehung der Studenten zu wissenschaftlicher Arbeit und ihrer Vorbereitung auf die Berufspraxis in Übungen und Seminaren".

Rückblickend fällt dabei auf, das ein politisches Beiwort nicht vorkommt, nämlich das später obligatorische Attribut sozialistisch, sobald von Berufspraxis oder gar Wissenschaft die Rede war. Die Referendar-Lehrgänge, eine noch bzw. nach dem zweiten Weltkrieg wieder bestehende Form der Ausbildung für den höheren wissenschaftlichen Bibliotheksdienst, entsprachen nicht mehr der neuen allgemeinen Berufsstruktur in der DDR. Der Beamtenstand war abgeschafft. Ausdrücklich vermerkt werden muss jedoch, dass die Ausbildung wissenschaftlicher Bibliothekare wie schon zuvor in enger Verbindung mit dem vollen Abschluss eines anderen akademischen Faches stand, aber im Unterschied zu früher nicht im zeitlichen Nacheinander, sondern simultan. Die obligatorische andere akademische Disziplin zur Bibliothekswissenschaft trug die Bezeichnung Spezialfach.

Die bibliothekswissenschaftliche Ausbildung erfolgte im Rahmen der Philosophischen Fakultät. Die Spezialfächer waren entweder auch dort etabliert, oder eben an anderen Fakultäten. Die fakultätsübergreifende Eigenart verursachte bei der Ansetzung von wöchentlichen Stundenplänen Kollision mit bis zu einem Dutzend Spezialfächern, deren Ansetzungen in jedem Semester erst abzuwarten waren, ehe an den eigenen Stundenplan zu denken war. Die neue kombinierte Form der Ausbildung dauerte fünf Jahre, schloß mit dem vollständigen Examen im Spezialfach ab und endete mit mündlichen Prüfungen in den bibliothekswissenschaftlichen Einzelfächern und den Sprachen, d.h. die Fähigkeit zur Übersetzung englischer, französischer, russischer und lateinischer Fachtexte. Damit war die Vorbereitung auf den Beruf jedoch nicht beendet, sondern es folgte ein zweijähriges Praktikum an einer großen Bibliothek. Die Berufsbezeichnung wissenschaftlicher Bibliothekar wurde nach erfolgreicher Einreichung einer während des Praktikums angefertigten schriftlichen Hausarbeit erworben, d.h. ministeriell attestiert. Diese sogenannte Assistenten-Hausarbeit wurde vom Institut bewertet. Man beachte, dass die gesamte Ausbildung auf sieben Jahre ausgelegt war.

Die öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek stellte außer den vier Räumen auch eine Dauerleihgabe in Form der wichtigsten internationalen Fachliteratur zur Verfügung, bestehend aus ca. 12 500 Monographien und den einschlägigen laufenden Zeitschriften. Dieser Bestand wurde laufend aus Haushaltsmitteln der WB vermehrt, die Universität gab nur einen bescheidenen Zuschuss, der im Fall der Periodika höchstens den laufenden Bezug der beiden Börsenblätter ermöglichte. Man muss bei alledem wissen, dass der Direktor der WB zugleich Gründer und Direktor des Instituts war.

ad 3. Wie wurde dieses neue Studium der Bibliothekswissenschaft von seinen Anfängern in der Anfangszeit wahrgenommen? Für die Antwort auf diese Frage ist der Doppelsinn von Wahrnehmen zu beachten: Einmal als Wahrnehmung des Angebots der durchweg obligatorischen Lehrveranstaltungen, die ohne Ausnahme in Vorlesungen bestanden, einer Form, bei der der Wind ohne Umkehr vom Katheder her weht, und zum Anderen als geistig sinnliche Wahrnehmung der Situation, der Atmosphäre und des für alle Anfänger völlig neuen Milieus. Diese auch gefühlt zu nennende Wahrnehmung war dadurch bestimmt, dass die Anforderungen der unterschiedlichen Spezialfächer alles Andere überwogen. Da die Spezialfächer so weit über die ganze Universität verteilt waren, konnten sie aus naheliegenden organisatorischen Gründen keine Rücksicht auf das die Immatrikulation bezeichnende Fach Bibliothekswissenschaft nehmen, dessen Studenten überall eine faktisch vernachlässigte Quantität bildeten. Praktisch bedeutete es, dass der studentische Tages- und Wochenablauf weit ab von den wenigen bibliothekswissenschaftlichen Vorlesungen lag. Für diese blieb fast ausnahmslos der späte Nachmittag und der Abend vorbehalten. Nur dann begegneten sich die Anfänger, sahen sich von Angesicht zu Angesicht, tauschten Meinungen und Ansichten aus, und entwickelten wohl auch Sympathien oder Antipathien, sodass nur allmählich eine Art von Korpsgeist entstand. Hier halfen die obligatorischen, jährlich sechswöchigen Berufspraktika nach, besonders wenn sie in anderen Städten stattfanden.

Da es sich um individuelle Erfahrungen mit erheblicher Breite der Streuung handelte, könnte man heute durchaus davon sprechen, dass dem Vorgang etwas Virtuelles anhaftete. Die materielle Seite war durch die Prüfungsanforderungen geprägt und ferner durch einen rigorosen Zwang mit der Bezeichnung Studiendisziplin bestimmt. Leistungen und Disziplin wurden laufend bewertet, und zwar auf der Ebene von sogenannten Seminargruppen in den Spezialfächern. Diese Bezeichnung erhellt, dass dort im Unterschied zur Bibliothekswissenschaft Seminare und Übungen stattfanden. Solche Gruppen waren überschaubar und schufen Zusammenhalt. Strichlisten galten jedoch als unwürdig. Die Seminargruppen existierten bei fast gleicher Zusammen-setzung unter anderer, politischer Form als FDJ-Gruppen, in denen nur die wenigen Studenten nicht vertreten waren, die der Freien Deutschen Jugend - blaues Hemd mit aufgehender Sonne als Emblem, Anrede: Jugendfreundin bzw. Jugendfreund - nicht angehörten.

Dem Verband anzugehören war nicht verpflichtend aber ratsam, denn seine Gruppen formulierten perennierend ein Arbeitsprogramm - versteht sich: strikt von oben angeleitet -, dessen Punkte im Kollektiv anteilig zu erfüllen waren. Die materielle Existenz der Studenten war in den meisten Fällen durch das sogenannte Grundstipendium gesichert. Wenn ich mich recht erinnere, waren es 150 Mark monatlich. Wer aber zusätzlich ein sogenanntes reguläres, zweistufiges Leistungsstipendium benötigte, musste folglich bedacht sein auf eine positive Einschätzung seiner in Noten ausgedrückten fachlichen Leistungen, der Bewertung seiner Studiendisziplin und seiner Aktivitäten im Rahmen des FDJ-Programms. Die Einschätzungen fanden jährlich "im Kollektiv" statt, Wortführer waren gewählte Gruppensekretäre. An dieser Stelle der Rückschau muss ein faktisches Moment jedes Hochschulstudiums in der DDR nachträglich erwähnt werden: Das Studium wurde während der ersten vier Semester begleitet von dem republikseinheitlichen Grundstudium des Marxismus-Leninismus, bestehend aus Vorlesungen und Seminaren durch Lehrkräfte eines Instituts mit dieser Bezeichnung, das jeweils für die ganze Universität oder Hochschule zuständig war. Dies war das eigentliche Instrument der direkten ideologischen Einflussnahme des Staates. Die Noten der marxistisch-leninistischen Ausbildung hatten Vorrang vor den fachlichen.

Aus der skizzierten Struktur des bibliothekswissenschaftlichen Studiums ergab sich zwingend, dass Seminar- bzw. FDJ-Gruppen nur auf der Ebene der diversen Spezialfächer existieren konnten. Am Institut gab es zunächst keine FDJ-Organisation. Sie wurde dort erst nach einem Jahrzehnt gegründet, und zwar - wie mir scheint - auf zunehmenden Druck des Fachbereichs im zuständigen Ministerium. Man betrachtete dort die Inhalte unseres Studiums als überwiegend bürgerlich, d.h. bewertete sie negativ. Aber damit bin ich schon weit über mein Thema hinausgelangt.

ad 4. Die Inhalte des Studiums entsprachen in etwa den Themen, die das berühmte dreibändige Handbuch der Bibliothekswissenschaft aus den dreißiger Jahren umfasste, und unter denen z.B. die Volksbibliotheken nicht vorkamen. Historisches Wissen hatte ein Übergewicht, das in meiner Erinnerung von den Studenten nicht grundsätzlich als drückend empfunden worden ist; aber die Überfülle des historischen Stoffes belastete die Vorbereitungen auf die jährlichen Zwischenprüfungen ganz erheblich.

Hier nun ist Stelle und Anlass, abschließend kurz von den Professoren allgemein und in einem Fall besonders zu sprechen. Von Anbeginn prägend war die Bekanntschaft der Anfänger mit Professor Joris Vorstius (1894-1964), aus dessen Mund schon in der zweiten Woche des Wintersemesters 1953/54 der Name Auguste Comte zum ersten aber nicht letzten Mal zu vernehmen war. Ich erwähne das auch deshalb, weil Comte als wissenschaftlicher Gewährsmann der Ansichten unseres Professors nun wirklich nicht zum Erbe des Marxismus-Leninismus gerechnet werden kann.

Von Anfang war entscheidend, dass der Institusleiter und Fachrichtungsleiter Professor Horst Kunze (1909-2000) im Praktischen wie im Theoretischen die uneingeschränkte Wertschätzung der Fachwelt in Ost und West genoss; und das war zugleich Anlass für die Studenten, auf ihn stolz zu sein. Was ihn aber von allen Anderen unterschied, war seine Zuwendung zu und sein Umgang mit den Studenten. Es war eine Lust, ihm zuzuhören. Er hat schon 1956 seine Bibliotheks-verwaltungslehre in erster Auflage veröffentlicht. Diese Buch verlieh uns Studenten durch Form und Inhalt das notwendige Rückgrat, und dies um so mehr, weil wir den Verfasser so leibhaftig und lebendig vor uns sahen. Es heißt nichts Negatives über seine Mitstreiter auf dem Katheder auszusagen, wenn man daran erinnert, dass sein Lehrgebiet den Höhepunkt bildete und gleichsam Oase war inmitten ausgedehnter Halbwüsten historischen Stoffes, nicht zu vergessen das steinerne Meer der als Prüfungsfach besonders gefürchteten Bibliographie.

Im Vorwort zur 4.Auflage seines Buches charakterisiert sich Horst Kunze selbst folgendermaßen: "Bei der Darstellung der Arbeitsvorgänge und Probleme bin ich bemüht gewesen, mich um der Verständlichkeit willen so wenig wie möglich des bibliothekarischen Fachjargons zu bedienen. Erst recht habe ich darauf verzichtet, die Wissenschaftlichkeit des Lehrbuchanliegens durch gespreiztes, schwer zugängliches Sprachgut zu erweisen". Horst Kunze setzte sein Vertrauen in die Jugend und die Fähigkeiten seiner Studenten, und sie vertrauten ihm als Lehrer und als Halt im Fluss der wechselnden Zeiten und Gestalten. Ihm verdankt so mancher den Impuls, fachlich nicht stille zu stehen. Um zu guter Letzt besonders persönlich zu werden: Ich hatte den Vorzug, von ihm später mit verschiedenen Aufgaben in Lehre und Forschung betraut zu werden und kam noch als Assistent in die luxuriöse Situation, selbst gestalten zu können. - Das alles war RückschauÏauf eines Anfangs vor fünfzig Jahren, und Rückschau gilt heutzutage mitunter nicht als zeitgemäß; aber mein Blick zurück ist ja eben kein Tränenblick. Quod erat demonstrandum.



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Gedanken zur Bibliothekswissenschaft
Ben Kaden

Meine Damen und Herren, liebe Alumni, Studierende, Dozenten und Freunde des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, wie es heute heißt, bzw. und Freunde des Instituts für Bibliothekswissenschaft, für alle, die sich mit der Umbenennung nicht einverstanden zeigen.

Sie sehen mich - um ehrlich zu sein - ein wenig verlegen vor Ihnen stehen - verlegen aufgrund einer Unaufmerksamkeit meinerseits. Als mich vor einigen Wochen Manuela Schulz, der wir diesen wunderbaren Abend maßgeblich verdanken, fragte, ob ich in meiner Position als Studierender nicht ein paar Worte an die Gäste richten möchte, habe ich spontan zugesagt und es, wie es so ist, mehr oder weniger vergessen.

Und als sie mich dann Anfang dieser Woche beim Mittagessen noch einmal erinnerte, wie es denn aussieht.....na ja.

Und als sie mir dann das Thema sagte, zu dem ich eingeplant bin, nämlich Thema „Perspektiven der deutschen Bibliothekswissenschaft“ war ich dann doch einigermaßen ...nun, überrascht.

Ich denke, es ist schwer ein Thema zu finden, mit dem man sich in einer solchen Veranstaltung noch weiter aus dem Fenster lehnen kann, zumal ich am Ende des Vortragsblock angesiedelt, auch schon gegen das Bedürfnis des Auditoriums anzukämpfen habe, sich endlich Speis, Trank und lockerer Konversation zu widmen.

Daher möchte ich es etwas kürzer machen und um keine allzu ausufernde Diskussion entstehen zu lassen, einfach ein paar Gedanken in den Raum stellen –
dies besonders mit dem Ziel, unseren Alumni zu demonstrieren, welcher Geist sich in die Köpfe der aktuell am Institut Studierenden eingeschlichen hat.

Gemeinhin wird postuliert, dass wir uns entweder schon in einer "Wissensgesellschaft" befinden oder uns wenigstes geradewegs zu einer solchen entwickeln.

Wissen sehe ich als Vorraussetzung für adäquates Handeln in komplexen Situationen, also als einen Grundbaustein jeglichen menschlichen Lebens auf Stufen, die qualitativ über bloßes Affekthandeln hinausreichen.

Insofern ist eigentlich jede menschliche Gesellschaftsform schon eine Art wissensbasierte Gesellschaft, umso mehr natürlich, seit der Erfindung der Schrift, die es uns schließlich ermöglicht, Wissensrepräsentationen über die Zeit hinweg aufzubewahren.

Als primären Ort der Aufbewahrung dieser in allen möglichen Formen gespeicherten Repräsentationen sehe ich nach wie vor die Bibliotheken und vor dem Hintergrund einer sinnvollen Nutzbarmachung um so mehr.

Man mag dagegen halten, dass das Internet eine wachsende Konkurrenz darstellt, besonders angesichts der Relativierung des Trägermediums an sich durch die Digitalisierbarkeit jeder Art von Aufzeichnung.

Allerdings ist das Internet keine Institution, nicht mal ein Medium, sondern schlicht eine "Technologie", die Medien und Institutionen verbindet. Es ist also als Konkurrent oder Gegenpol zur Bibliothek denkbar ungeeignet. Das Internet ist, wenn man so will, eine Werkzeugkammer, welcher sich die Institution "Bibliothek" bedienen kann und natürlich auch bedienen muss.

Es geht also nicht darum, sich vom Internet bedroht zu fühlen, sondern es geht darum, dieses anzunehmen, nutzen zu lernen und zu gestalten.

Was mich immer wieder in Diskursen zum Thema im Bibliothekskontext irritiert, sind
Äußerungen eines Gefühls des „Ausgeliefertseins“ angesichts der digitalen Bedrohung, bestenfalls Äußerungen eines durch Zähne geknirschten „Ja ich weiß, wir müssen uns anpassen“.

Ich persönlich glaube nicht, dass es so sehr um Anpassung geht. Ich denke vielmehr, dass es darum gehen sollte, nicht die Kriterien, an die man sich anpassen soll, zu suchen, sondern – wenn man so will – diese Kriterien selbst hervorzubringen, d.h. selbst gestaltend aktiv zu werden.

Dies muss eine Aufgabe der Bibliothekswissenschaft in der Zukunft sein, einer Bibliothekswissenschaft, die die "Digitale Bibliothek" in einem Maße entwickelt, dass sie einerseits die tradierte Rolle der Bibliotheken als quasi "Wissensspeicher" erhält und andererseits diese Rolle in die digitale Sphäre überträgt.

Ja, natürlich gibt es die Notwendigkeit einer Art Anpassung, und zwar in Form einer Akzeptanz der Entwicklung.

Es geht darum, dass sich die Bibliotheken an die Tatsache ihrer teilweisen, bzw. was die Vermittlung von Wissen als konkrete Handlungsgrundlage angeht, vermutlich irgendwann vollständigen Virtualisierung ihrer Angebote gewöhnen und diesen Schritt weniger als Bedrohung ihrer Grundfesten sehen, sondern mehr als Möglichkeitsraum.

Die Aufgabe der Bibliothekswissenschaft wird es dabei sein, diesen Raum zu explorieren, vielleicht ein wenig wie die frühen Naturforscher ihre Welt durchquert, erforscht und erschlossen haben. Und auch wenn die Analyse von Webdokumenten vielleicht nicht so sinnlich erhebend ist, wie die Besteigung des Chimborazo – dafür aber vermutlich auch nicht so gefährlich für Leib und Leben – und wenn die Entwicklung eines funktionierenden Webportals auf den ersten Blick nicht ganz so weltverändernd wirkt wie der Bau eines Panamakanals – so ganz weit voneinander entfernt sind diese Dinge nicht.

Im Web – besonders im so genannten Deep Web, also dem Mariannengraben des WWW – gibt es nach wie vor terra incognita-artige Bereiche, die auf ihre Erkundung warten, und vermutlich kommen täglich neue hinzu. Und dann gibt es auch die Orte, deren Existenz man kennt oder wenigstens vermutet, die man aber mit herkömmlichen Reisemethoden nur schwer erreichen kann.

Es liegt eigentlich nahe, den Panama-Kanal, der bekanntlich die Reiseentfernung für alle die mit dem Schiff von New York nach San Francisco wollten, erheblich verkürzte, aus der Perspektive der Kommunikationstheorie zu betrachten. Wir müssen uns nur vorstellen die Schiffsreisenden seien Botschaften, die von einem Sender (nämlich New York) zu einem Empfänger (San Francisco) übertragen werden, um – jetzt noch der Handlungsbezug – dort etwas ganz Entscheidendes zu bewirken.

Nehmen wir nun andersherum an, es gibt irgendwo da draußen einen Nutzer, dem eine bestimmte Wissensrepräsentation bei der Lösung eines existentiellen Problems grundsätzlich helfen würde - und nehmen wir weiterhin an, diese Wissens-repräsentation läge auf irgendeinem Server im Deep Web, der nicht erschlossen ist oder bei google erst auf Trefferseite 680 erscheint, von der unser Nutzer also nicht einmal weiß, dass sie existiert.
Und nehmen wir an, es gibt eine Bibliothek oder sogar ein Institut für Bibliotheks-wissenschaft, an dem ein Interface, also ein Verbindungsstück entwickelt wird, dass den Weg über die 680 Suchseiten auf vielleicht drei gezielte Klicks verkürzt, also dem Nutzer die Grundlage für die Lösung seines Problems liefert, bevor sich das Problem vielleicht von selbst erledigt … wäre dieser Schritt, diese drei Klicks, nicht eine Art Panamakanal?

Die Bibliothekswissenschaft muss meiner Meinung nach, Möglichkeiten entwickeln, diese Abkürzungen in der virtuellen Geostruktur der Welt nutzerorientiert in Hinblick auf handlungsunterstützendes bzw. Problemlösungs-Wissen zu finden.
Eine Bibliothek sollte mehr leisten können, als einem suchenden Nutzer zu sagen: „Ach, wissen sie was, surfen sie doch einfach mal ums Kap Hoorn herum“ … heißt „googlen" sie.
Bibliotheksangebote müssen – auch auf der Grundlage der Erfahrungen der zahlreichen Segeltörns und Schiffbrüche an Kap Hoorn – so entwickelt werden, dass sie als Panama-Kanal fungieren.
Die Bibliothekswissenschaft muss in der Zukunft eine virtuell gesehen erdverbundene Wissenschaft sein: sie muss Kanäle graben, die leicht, zielgruppenadäquat und vielleicht sogar mit einem Cocktailglas auf dem Promenadendeck zu durchqueren sind.

Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft eine ganze Menge Schaufeln oder – je nach Mitteln – Schaufelradbagger auch hier im Institut sehen werden

In diesem Sinne, einen schönen Abend.


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Fotostrecke:


Absolventen des Instituts im Restaurant cum laude


Friedrich Nestler


zukünftiger Absolvent: Ben Kaden


Engelbert Plassmann im Gespräch mit Absolventen


Ein weit gereister Absolvent: Ingo. Glückler aus Linz


zukünftige Absolventinnen: Jana Grünewald und Andrea Kaufmann


Gemeinsamer Rückblick vergangener Zeiten: Absolventin und Friedrich Nestler
(Foto: Katrin Sobaotha-Heidelk)


Michael Heinz
(Foto: Katrin Sobaotha-Heidelk)


Absolventen 1994 mit Dozenten des Instituts (v.l.n.r.): Jan-Mike Singer, Anke Pohl, Kerstin Beyermann (ehem. Blanke), Uwe Kuhl, Dr. Iris Schwarz, Dr. Gertrud Pannier, Michael Heinz, Heidrun Vietzke und Kathrin Sobotha-Heidelk
(Foto: Katrin Sobaotha-Heidelk)


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Das Programm

18.00 Uhr
Einlass

18.30 Uhr
Begrüßung

Dr. Gertrud Pannier

Das Institut und seine Studiengänge heute
Prof. Dr. Walther Umstätter

Das Fernstudium
Dr.-Ing. Dr.sc.phil. Wolfgang Jänsch

Die Anfänge des Instituts
Prof. em. Dr. sc. Friedrich Nestler

Das Institut nach der Wende
Prof. em. Dr. Engelbert Plassmann

Musikalische Einlage
Annett Hanzlick
Klassische Gitarre

Verabschiedung der jüngsten Absolventen
Prof. Dr. Walther Umstätter, Dr. Karla Schmidt

Gedanken zur Bibliothekswissenschaft
Ben Kaden (Student und Tutor am Institut)

Musikalische Einlage
Annett Hanzlick
Klassische Gitarre

ab ca. 19.45 Uhr
Eröffnung des Abends

gegen 21.00 Uhr Kurzfilm „it’s STREIK again“ -
Für den Erhalt der Bibliothekswissenschaft in Berlin

 


Rede: Friedrich Nestler

Rede:
Ben Kaden

Fotostrecke


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