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Biblioteks- och informationsvetenskap an der Växjö universitet (Schweden)

Bericht zum Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium am 24. Mai 2005
von Maxi Kindling und Manuela Schulz

Wie und was studieren Studenten anderer europäischer Länder in unserem Fachbereich?

Nachdem wir vor wenigen Wochen Einblick in die Ausbildung in St.Petersburg bekommen haben, widmete sich das BBK am 24. Mai der Ausbildung in Schweden: Brigitte Kühne, Gastprofessorin am Fachbereich Biblioteks- och informationsvetenskap (Bibliotheks- und Informationswissenschaft) der schwedischen Växjö universitet war zu Gast im Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium.

Der Fachbereich ist der jüngste seiner Art in Schweden, er wurde erst 2003 an der kleinen Universität im Süden von Schweden eingerichtet.

Brigitte Kühne ist in Deutschland geboren und lebt seit 58 Jahren in Schweden. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, aus diesem Grund durften wir uns während dieses Vortrages und beim anschließenden geselligen Miteinander an ihrem nahezu perfekten Deutsch erfreuen. Sie war Initiatorin der Einrichtung des Fachbereiches Biblioteks- och informationsvetenskap in Växjö und bis zum vergangenen Jahr Direktorin der universitetsbiblioteket der Växjö universitet. Frau Kühne ist als Autorin am Publikationsprojekt „Bibliothekswissenschaft – quo vadis“ im Rahmen des Grundstudiumsseminars „Von der Idee zum Buch“ unter der Leitung von Petra Hauke beteiligt, über welches auch der Kontakt zum Institut entstanden ist.

Zunächst widmete Frau Kühne dem Land Schweden ein paar einführende Worte: Sie vergegenwärtigte uns, welche Ausdehnung Schweden vor allem nördlich von Stockholm besitzt und wie relativ dünn besiedelt dieser Teil des Landes ist: Dort lebt gerade einmal eine Person pro Quadratkilometer.

Anschließend gab Frau Kühne uns einen Überblick über die Universitäten Schwedens, die den Studiengang Biblioteks- och informationsvetenskap anbieten. Betrachtet man die Einwohnerzahl Schwedens von 9 Millionen sind dies im Vergleich zu Deutschland sehr viele: die Universitäten in Stockholm, Uppsala, Borås, Lund, Umeå und Växjö.

Die erste Universität, die den Studiengang anbot, war die Universität Högskalan i Borås. Mit der Einrichtung der Ausbildung an der Umeå universitet Ende der 80er Jahre wurde eine stärkere Akademisierung des Faches gewünscht, 1993 und 1994 entstanden entsprechend zwei weitere Einrichtungen an der Uppsala universitet und der Lunds universitet.

Die universitären Einrichtungen sind, neben diversen Lehrgangsangeboten, die einzigen Ausbildungsmöglichkeiten für den Tätigkeitsbereich des Bibliothekars.
Anschließend erläuterte sie uns das System der Vergabe von Studienpunkten in Schweden: 1 Semester entspricht 20 Studienpunkten, 1 Studienpunkt entspricht einer Woche ganztägiger Arbeit (diese 20 Studienpunkte entsprechen übrigens 30 ECTS-Points).

Anwärter für das Studienfach Biblioteks- och informationsvetenskap müssen als Zugangsvoraussetzung 80 Studienpunkte in einem anderen Fach mitbringen, d.h. die Studierenden haben bereits ein Studium von 4 Semestern absolviert.
Das Studium dauert insgesamt 6 Semester, es sind 120 Studienpunkte zu erreichen. Davon dient das 5. Semester der Vertiefung in einem Schwerpunktbereich oder einem Auslandsemester, das 6. der Anfertigung der Magisterarbeit, die der Forschungsvorbereitung dienen soll. In den beiden abschließenden Semestern sind jeweils 20 Studienpunkte zu erreichen.

Die Lehre wird in 4 Schwerpunktbereiche unterteilt:

A Nutzer-Bibliothek-Gesellschaft
B Lehren-Lernen (Pädagogik)
C Wissen
D Informationsarchitektur (Klassifikation, Katalogisierung)

Die Fächer A bis D werden jeweils ein Semester studiert, entsprechend sind je Schwerpunktbereich 20 Studienpunkte zu erreichen. Die Stundenpläne sind den Studierenden vorgegeben.

Mit den erreichten Studienpunkten aus dem ersten Fach und dem Studium Biblioteks- och informationsvetenskap erreicht man schließlich den akademischen Grad Magister in Biblioteks- och informationsvetenskap.

Die Absicht der Studienfachplaner, darunter auch Frau Kühne, den Schwerpunktbereichen das sog. Meta-Lernen „Theorie-Reflexion-Praxis“ in Form von fakultativen Projektseminaren zu Grunde zu legen, scheiterte z.T. an den praktisch denkenden Studenten, welche die Priorität auf das schnelle Scheine-Sammeln legen. In den Schwerpunktbereichen C und D ließen sich entsprechend derartige Projektseminare integrieren.

Momentan studieren 53 Studenten in diesem Fachbereich, 16 davon werden im kommenden 5. Semester ein Auslandsstudium absolvieren. Eine Studentin aus Schweden wird am Institut für Bibliothekswissenschaft studieren. Für die Zukunft wird ein regelmäßiger Austausch mit der Växjö universitet im Rahmen des Erasmus-Programms an der Humboldt-Universität angestrebt.

Hat sich der Student nun nach seiner Selbstfindungs- und Abenteuerreise durch die Welt - in Schweden sind nach Auskunft von Frau Kühne Studierende zwischen 18-25 Jahre vergleichsweise wenig an der Universität anzutreffen - für dieses Fach entschieden, muss er regelmäßig Belege schreiben und in kleiner Seminarteilnehmeranzahl in Gruppen zusammen arbeiten.

Er wird von den Dozenten zum Problem-Based learning motiviert, d.h. die Sensibilisierung für Problemlösungen steht im Vordergrund.

Brigitte Kühne betonte während ihres Vortrags die Bedeutung der pädagogischen Fähigkeiten eines Bibliothekars, also den richtigen Umgang mit dem jeweiligen Nutzer.

Dabei hebt sie vor allem die Interviewtechnik des Auskunft gebenden Bibliothekars hervor, der sich in die fragende Person denken muss, um die relevante Information für diesen Nutzer zu finden. Wie z.B. ist ein Auskunftsgespräch mit einem Fernstudenten, mit älteren Personen oder Ausländern zu gestalten?

Daran schließt die Überlegung an, welche Fähigkeiten eine informationskompetente Person ausmachen. Einige Antworten auf diese Frage wurden uns von Frau Kühne vorgestellt: Sie muss Fragen ausgehend vom Informationsbedürfnis stellen können, sie muss sich bewusst machen, welches Informationsbedürfnis besteht; sie muss die dazu passenden Informationsquellen identifizieren, effektive Suchstrategien und Suchformulare entwickeln können; gefundene Informationen bewerten können und neue Informationen in vorhandene integrieren.

Der Bibliothekar nimmt laut Frau Kühne „eine Lehrerrolle ein, in Wissenschaftlichen wie in Öffentlichen Bibliotheken“.

Auf die Vermittlung von Informationskompetenz wird im Studium besonderer Wert gelegt, wobei festzustellen war, dass im Fachbereich Biblioteks- och informationsvetenskap in Växjö nur sehr wenig Personal zu Verfügung steht: gerade mal 2 Vollzeitstellen sind vorgesehen, wovon eine momentan unbesetzt ist, weiterhin eine Halbzeitstelle, die von Frau Kühne besetzt wird und drei Stellen à 25 %.

Der spezifische Benutzer mit individuellen Informationsbedürfnissen ist in wissenschaftlichen wie auch in öffentlichen Einrichtungen in Schweden zu finden. Frau Kühne nennt in diesem Zusammenhang exemplarisch das Phänomen, dass 52 % der Studenten in Malmö es vorziehen, zur Öffentlichen Bibliothek zu gehen, weil sie dort freundliche und gute Auskunftsdienste erhalten.

Sie ziehen also die Öffentliche Bibliothek der Wissenschaftlichen Universitätsbibliothek vor. Das einzige Defizit der Öffentlichen Bibliotheken ist das Fehlen von relevanten Datenbanken für die Literatursuche.
Die Forderung nach einer Zusammenarbeit von Öffentlichen und Wissenschaftlichen Bibliotheken besteht schon seit längerem, vor allem im Hinblick auf ein gemeinsames Ziel der Bibliotheken: die Studierenden sollen selbst lernen, zu recherchieren. Die Zusammenarbeit ist letztlich seit dem 1. Januar 2005 auch im schwedischen Bibliotheksgesetz (es existiert seit 1996, Schweden war damit das letzte skandinavische Land, das ein Bibliotheksgesetz bekam) festgeschrieben, was laut Frau Kühne auch zu mancher Frustration führte, denn „es prallen zwei Kulturen aufeinander“.

Die Bibliotheken bieten nicht nur verschiedene Module von Benutzerschulungen für verschiedene Benutzergruppen an. Seit kurzem gibt es ein Projekt, bei dem sich Mitarbeiter beider Bibliothekstypen gegenseitig schulen. Das nächste größere Vorhaben in diesem Bereich ist die Zusammenführung der beiden Auskunftsdienste „Fråga biblioteket“, ein ÖB-Angebot, und „Jourhavende bibliotekarie“, ein WB-Angebot, um einen regen Austausch bzw. sich gegenseitig ergänzende Dienstleistungen gewährleisten zu können. Außerdem befinden sich viele Öffentliche Bibliotheken in Lizenzverhandlungen über Datenbankzugänge.

Zum Ausklang ging es in das berühmt berüchtigte Restaurant Via Nova, in dem sich Studierende, Dozenten, Frau Kühne, ihr Ehemann und Bruder nach der Veranstaltung niederließen um bei Schmaus, Trank und angeregtem Gespräch den Abend abzurunden.

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