Studentenprofile am Institut für Bibliothekswissenschaft

- Kerstin Winter -
Interview: Manuela Schulz


Bitte stelle dich vor.

Ich heiße Kerstin Winter, studiere Bibliothekswissenschaft als Hauptfach im 2. Semester und Germanistische Linguistik im 5. Semester. Ich bin zu Biwi gekommen wie Maria zum Kind. Ich habe es in einem Studienführer unter der Rubrik der außergewöhnlichen Schmankerl entdeckt, dachte mir, das klingt gut. Bibliotheken fand ich schon immer gut.

In den ersten zwei Semestern habe ich nur Linguistik und Anglistik gemacht, aber bei Anglistik lag der Schwerpunkt für mein Empfinden zu sehr auf Literaturwissenschaft, was nicht so mein Fall war.

Sprache fand ich schon immer interessant. In meinem Deutsch-Leistungskurs und vorher im Profilkurs hatte ich eine gute Lehrerin, die ein Grammatikfan war. Sie bzw. das hat mich für ein Studium der Sprache animiert. In der 11. Klasse war für mich also schon klar, in die Richtung zu studieren. Ganz spannend finde ich Soziolinguistik.

Dann bist du also ein bevorzugt logisch denkender Mensch?

Das kommt darauf an.

Hast du schon versucht, Aspekte der Fächer in einem bestimmten Zusammenhang zu kombinieren?

Bis jetzt nur nebenbei. Ich studiere Biwi ja erst im 2. Semester.

Was interessiert dich besonders am Bibliothekswesen?

Im Moment finde ich die ÖB’s sehr interessant. Im Sommersemester habe ich ein Praktikum in der Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf, die Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek, gemacht. Die haben da eine gut sortierte Kinder- und Jugendbibliothek. Die Bibliothekarinnen sind dort wie Erzieherinnen. Sie setzen sich sehr stark für die Leseförderung bei Kindern und Jugendlichen ein. Aber auch Erwachsenen wird entgegengekommen, z.B. kommen regelmäßig Gruppen von Immigranten, um an die Benutzung der Bibliothek herangeführt zu werden.
Ich habe alles in der Bibliothek gemacht. Das fand ich sehr spannend.

Die Kinderbibliothek ist dir am meisten in Erinnerung geblieben?

Ja, weil die Mitarbeiterinnen dort so engagiert sind. Sie veranstalteten z.B. Nachtprogramme für Kinder, was jedes Mal einen Riesenandrang hervorrief. Diese Aktion ist aus der Idee der „Berliner Märchentage“ entstanden.
ÖB’s finde ich dadurch aber nicht wichtiger als WB’s. Aber was das Bild in der Öffentlichkeit betrifft, sind sie doch vorherrschend.

Du arbeitest jetzt sicher dort, weil es dir so gut gefallen hat!?

Nee. Erstens sind sie relativ stark mit Personalkürzung beschäftigt, so dass es, wenn, dann nur ehrenamtlich wäre. Gute Bibliotheksleute werden entlassen, wer die Arbeit machen soll, bleibt dann offen. Ich habe während meines Praktikums erlebt, dass morgens der Direktor die Bücher eingestellt hat. Das Problem ist die Zusammenlegung der Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf.
Zweitens habe ich einen Job.

Welchen?

Ich bin Geschäftsführerin des Jugendnetzwerkes Lambda.

Was ist das?

Das ist der schwul-lesbische Jugendverband in Deutschland.

Seit wann arbeitest du dort?

Hauptamtlich seit 2004. Vorher habe ich schon drei Jahre ehrenamtlich als Beraterin und im Bundesvorstand gearbeitet.

Seit wann gibt es den Verein?

Seit 1990. Der Verein wurde im Zusammenhang mit der Demokratisierung am „Zentralen runden Tisch der Jugend“ gegründet. Wir bekamen, gemessen daran, dass es nur ein Randthema war, viel politische Unterstützung.

Du warst dabei?

Nee. Ich war erst 7.

Was machst du als Bundesvorstand?

Im Wesentlichen ist es die Zuarbeit und Unterstützung des Vorstands, Korrespondenz mit Ministerien und Rechtsfragen, z.B. zu Satzungen oder Gründungen von Landesverbänden. Also mehr oder weniger reine Verwaltungsarbeiten.

Du bist also gut eingespannt in deinem Job...

Ja, in der Tat.

Wie bist du eigentlich dazu gekommen?

Mit 18, 2001, habe ich im Landesverband Berlin-Brandenburg als Jugendberaterin angefangen. Gute zwei Jahre habe ich das gemacht. Ich bin dann 2002 gefragt worden, ob ich für das Amt der Geschäftsführerin kandidieren möchte. Ich dachte, ach, klingt gut, mach ich. Na ja, und wenn es mir Spaß macht, kann ich viel arbeiten.

Kannst du das auch fürs Studium sagen?

Arbeiten hatte bisher immer Priorität. Meine Freizeit geht oft auch für Lambda drauf. Aber da lern ich fürs Leben. Und das nicht zu knapp. Seit 2004 mach ich das als Bundesvorstand. Ich würd’s auch ehrenamtlich machen.
Es ist ne ganz entspannte Situation momentan. Nur Lambda und Studium... Zu Beginn des Studiums habe ich nebenbei bei „Emnid“ gearbeitet. Habe öfter Mal ältere Damen aus dem Bett geholt mit den Anrufen am Abend. Das war mir nichts.

Dann bleibt kaum Freizeit, wenn du dich für Lambda engagierst und studierst?

Nein, nicht wirklich.

Was versuchst du, noch zu machen?

Sport. Ich arbeite glücklicherweise meistens zu Hause. Das hat den Vorteil, auch mal nachts arbeiten zu können. Ich sitze ziemlich viel am Rechner.

Welchen Sport machst du denn?

Ich fahre viel Fahrrad.

Ach stimmt, du trägst ja immer einen Helm mit dir herum...

Ja, und das hat sich auch schon ausgezahlt. Ich hatte einen Unfall am Anfang des Jahres.
Ich gehe auch ins Fitneßstudio. Bin früher viel Schwimmen gegangen. Habe das früher vor der Schule gemacht, aber nicht lange durchgehalten...Wandern mache ich auch gern. Ansonsten Standardsachen, was man halt so macht: Theater, Kino, Museum, Freunde. Mama, Papa besuchen. Lese auch gern, aber die Zeit ist knapp.

Du hast gesagt, du besuchst Mama und Papa. Wohnst du schon immer in Berlin?

Ja und ich kann mir auch nicht vorstellen, in einer anderen deutschen Stadt zu leben.
Ich bin in Hohenschönhausen in der Platte aufgewachsen. Da gibt es eine ganz tolle Bibliothek, die „Anna-Seghers-Bibliothek“. Dadurch, dass sie ein relativ großes Einzugsgebiet hat, ist sie immer gut besucht. Außerdem wird ihre Situation dadurch verbessert, dass sie in ein Einkaufszentrum integriert ist. Sie ist gut gewesen für meine Schule. Die machen viele Ausstellungen, unter anderem hatten sie mal eine Anna-Seghers-Ausstellung, zu der auch die Tochter, Ruth Radvany, eingeladen wurde. Ich habe sie kennengelernt und einen Artikel für unsere Schülerzeitung geschrieben.

Du hast für eine Schülerzeitung geschrieben?

Ja, wir waren ca. fünf Leute. Wir wollten kein Larifari schreiben, sondern gut recherchierte Artikel mit nachhaltigen Infos. Das ist aber nicht so gut angekommen. Haben die für eine Mark verkauft. „Fenster“ hieß sie. Die Lehrer haben sie zumindest alle gekauft, die Schüler kaum.

Dann hattet ihr keine Lust mehr?

Ja, wollte ja niemand. Hatten Ressorts wie Kultur, Politik, Wissenschaft, Geschichte, aber auch Sport... Hat auf jeden Fall Spaß gemacht und war ne gute Erfahrung. Wir bekamen sogar mal Karten für eine Pressevorführung eines Kinofilms oder auch eine Einladung zu einer Podiumsdiskussion der SPD mit Franz Müntefering. Das waren angenehme Nebeneffekte.

Apropos Diskussion...Du hast ja sicherlich die Diskussion, ob das Institut für
Bibliothekswissenschaft erhalten bleiben soll oder nicht...

...Ja, herzlichen Glückwunsch zum gewonnenen Kampf!

Was hätte es dir bedeutet, wenn’s nicht geklappt hätte?

Das wäre ein Armutszeugnis gewesen. Gerade der Streik 2003/2004 hat gezeigt, das Bibliotheken noch Schlagwortcharakter haben. Aber man kann natürlich nicht einerseits bessere Bildung und Bibliotheken fordern und andererseits die Ausbildung des Personals verweigern. Was da für ein Schaden angerichtet wird, nicht ad hoc, aber doch langfristig, wenn kein entsprechendes Personal ausgebildet wird. Man muß, wenn man sich Informationsgesellschaft nennen will, auch mit Information umgehen können. Gerade in Zeiten, wo von Informationsflut gesprochen wird, ist eine effektive Konzeption wichtig. Nicht nur das richtige Bucheinsortieren.
Ich finde auch nicht, dass das Institut nur erhalten bleiben soll, weil es das einzige in Deutschland ist, das wäre im Umkehrschluss: Wenn es zwei Institute gäbe, wäre eins überflüssig. So ist es aber nicht. Es bedarf einfach der Leute und der Ausbildung, die hier stattfindet.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Gern.

Gehst du zur Party, um die Entscheidung zu feiern?

Nur ne halbe Stunde, muß arbeiten...

nach oben