Institut für Bibliothekswissenschaft - Humboldt Universität zu Berlin


“blue eyed girl..“

Wir trafen uns auf einer Party

Es ist nicht immer ganz leicht, Studierende am IB zu einem Interview für unsere „Studentenprofile“ zu überreden.
Mal hält man sich für zu unbedeutend, mal für zu bedeutend um in diesem Kontext www-weit präsent zu sein.
Oft ist man einfach schüchtern oder empfindet die Idee der Profile schlicht als blödsinnig.
Für uns als Webredaktion trifft das natürlich nicht zu, uns interessiert jeder.
Nur können wir nicht jeden vorstellen, weshalb wir spontan eine Auswahl treffen und jemanden, der sich gerade zur richtigen (oder falschen) Zeit am richtigen (oder falschen) Ort befindet, festhalten.

So erging es auch Steffi, die allerdings ein derart – fast erschreckend - offener Mensch ist, dass „überreden“ in ihrem Fall einen denkbar verkehrten Ausdruck darstellt.
Wir trafen sie auf der Semestereröffnungsparty, fragten sie auf der Semestereröffnungsparty, sie sagte ja auf der Semestereröffnungsparty.
Uns Webredakteuren war das Glück für den Rest des Abends ins Gesicht gemeißelt.

Das Interview selbst fand nicht mehr auf der Party statt, sondern etwas später, in anderer Atmosphäre und genau genommen nicht einmal als Interview, sondern als zwei schöne, entspannte Stunden miteinand’: ein kleines Gespräch über Gott, das Institut und die Welt in einem mittelgroßen „Coffee Shop“ nahe der Museumsinsel.

Steffi ist neu am Institut: erstes Semester, neu an der Universität, neu im Fach, nicht mehr ganz neu in Berlin. Vor vier Jahren kam sie aus dem Süden Deutschlands, die Ausbildung zur Hotelfachfrau hinter sich, den Gedanken, dass das nicht alles sein soll in sich, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg vor sich.
Irgendwann fällt die Entscheidung für ein Studium – Berlin bietet zahlreiche Möglichkeiten und Steffi möchte gern zur Geschichte. Das quasi Universal-Kombinationsfach Bibliothekswissenschaft bietet sich als zweites Hauptfach an, wird nach der Numerus-Clausus-bedingten Ablehnung in Geschichte in diesem Semester zum Hauptfach und Einstiegsfach in das Studium an der Humboldt Universität.

Das Institut und das Hauptgebäude der Universität sind leicht überschaubar, da sind wir uns sofort einig, wie wir so einen Ort zum Reden suchen.
Im Hof des Hauptgebäudes fehlen die Bänke, es fehlt nicht an Studierenden. Christof kommt uns entgegen, ich winke, er zurück und vorbei.
Steffi und ich durchqueren das Foyer gen Cafeteria, die sie schon kennt und die sehr gefüllt ist mit Studenten an diesem Freitagnachmittag.
Was sie nicht kennt, ist die wundervolle Ruhe an den Freitagnachmittagen in den vorlesungsfreien Wochen des Sommers, im HU-Hof und auch in der Cafeteria, unter blauem Himmel, mit den Meisen, die im Gras nach irgendetwas suchen.
Wir suchen einen ruhigeren Ort für das Interview und gehen hinaus in Richtung Maxim-Gorki-Theater, vor dem der Platz liegt, auf dem sich in fast jeder (trockenen) Nacht die Boulé-Spieler treffen um ihre Kugeln zu werfen.
Das erzähle ich ihr und sie erzählt mir im Gegenzug von ihrem französischen Mitbewohner. Ihre Wohngemeinschaft ist irgendwo an der Grenze Prenzlauer Berg und Mitte, also genau dort, wo man im Osten Berlins leben muss, wenn man nah dran am Leben der Nacht sein möchte.


Ihr Leben der Nacht spielt sich allerdings weniger in Soda Club, K-Star und Magnet ab, sondern viel häufiger an den Tischen des Lafil – einem spanischen Restaurant mit in der Gormannstraße, in dem sich sie 4-5 Mal pro Woche das Geld zu Studium und Leben erarbeitet. Ob sie glaubt, dass das auf längere Sicht funktioniert, will ich wissen und im Moment, so ihre Antwort, muss es funktionieren.

Wir rühren in unseren Tassen und reden ein wenig über gastronomische Themen. Was sie empfehlen könne, aus dem Angebot des Lafil, möchte ich wissen. Sie empfiehl mir „Zazuella“, einen baskischen Fischeintopf.
Während wir so weiterplaudern, wird mir deutlich, wo meine kulinarischen Bildungslücken liegen – spanischsprachiges Essen, da denke ich weniger an Lechón asado en su jugo oder Bogavante a la parilla, sondern mehr an Enchiladas und Quesadillas, was in lateinamerikanischen Ländern als Pendant zur deutschen Bratwurst im Straßenverkauf zu sehen ist. Auf diesem Jahrmarktsniveau bewegt sich mein anspruchsloser Gaumen auch hier auf dem Ledersessel im Coffee Shop, in den ich angesichts des gegrillten Peperino vor mir schamvoll sinke.
An dieser Stelle kollidieren unsere Welten: Steffi isst als Gourmet, ich, weil mein Körper es fordert. Genuss und Zweck. Ich habe vergessen zu fragen, was sich in ihrem Kühlschrank findet – aber mit einem Mitbewohner aus dem Schlemmerland No. 1 und nach unserem bisherigen Gesprächsverlauf zu urteilen, sieht es vermutlich anders aus, als in meinem Kühlschrank, mit einer Zwiebel und einem Senfglas.

Wir wechseln das Thema in Richtung Lesen. Lustig und Gemeinsamkeiten schaffend ist, dass sie aus ihrem persönlichen, institutsexternen Umfeld ein bemerkenswertes (und altbekanntes) Phänomen schildert: sobald sie dort auf ihr Studienfach zu sprechen kommt, ertönt: "Da musst du ja sicher viel lesen!". Dies wird sich vermutlich niemals ändern. Natürlich liest sie gern, leider nicht so viel wie sie gern möchte, denn – auch ein wohlbekanntes und Gemeinsamkeiten schaffendes Phänomen: Es fehlt die Zeit.

Lesenswert ist für sie Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“, sie mag Paolo Coehlo, aus der Familie Mann am liebsten den Klaus und Patricia Cornwall, obwohl deren Bücher – so betont Steffi - doch sehr nach dem gleichen Muster gestrickt sind.
Auf Reisen geht sie sehr gern, die schönste Stadt ist ihr Krakau, wobei es sie aber generell nach Südamerika zieht, z.B. nach Peru.
Eine kleine Träumerei von der Ferne, am Nachmittag, deren Realisierung so unmöglich gar nicht scheint.
Das eigentlich Teure sei der Flug, vor Ort benötigt man relativ wenig Geld.

Beim Wort „Peru“ denke ich sofort an Iquitos, an "Fitzcarraldo", diesen wahnsinnigen Film von Werner Herzog und wer weiß, vielleicht kommt Steffi irgendwann, vielleicht schon in einem Jahr zu mir und erzählt, dass es mittlerweile tatsächlich in der Jesuitenstadt ein Opernhaus gibt. Es würde mich nicht wundern.
Allerdings: das Land ist groß (der Kontinent für ein normale menschliche Wahrnehmung wahrscheinlich unendlich), es gibt in der República natürlich mehr als nur Regen-, Berg- und Nebelwald, selbst wenn der von mir spontan dorthin hinverlegte Chimborazo, den Alexander von Humboldt 1802 einst zu bezwingen versuchte, in natura ecuadorianisch ist.
Immerhin bedeutet der Name des Berges in der lokalen Indianersprache „schöne Frau im Schnee“ und wenn es schneit um Steffi herum, dann trifft dieser Ausdruck in jedem Fall zu. Vielleicht haben wir die Ursache meiner Assoziation.

Was in einem Jahr sein wird, kann Steffi heute nicht sagen, wobei sie das Attribut „planlos“ durchaus als positiv begreift. Der Weg ist ihr das Ziel, sagt sie, und sie hat schon viel erlebt, genug um mit dieser eine innere Ruhe gebenden Gewissheit ihre Tage zu durchqueren.
Die richtigen Entscheidungen träfe sie immer spontan.
Und welchen Wein könne sie empfehlen, frage ich schließlich um Viertel nach Vier, fast schon am Ende unseres schönen Freitagnachmittagtees und zu meiner Überraschung nennt sie keinen spanischen Moro tinto Crianza, López Hermanos oder Cartoixa D´Scala Die, sondern den aus Napa Valley in Kalifornien stammenden Opus One, dessen Name vergleichsweise fast banal klingt, was aber sicher im Gegensatz zu seiner Güte steht.

Ich persönlich hätte sie sehr gern nach diesen Stunden im kleinsten Café am Ort auf einen 1982er Mouton-Rothschild eingeladen, der vom Opus so entfernt ja gar nicht ist, aber erstens hatte der Coffee Shop gerade keinen solchen im Keller, zweitens wäre das Angebot zu unmoralisch und drittens trinke ich persönlich nicht den kleinsten Tropfen Alkohol sondern degustiere nur die Namen, mich daran erfreuend welche Facetten dieser Teil menschlicher Kultur bietet.
Manchmal - das muss ich zugeben - bedauere ich ein wenig diese Enthaltsamkeit von der Kultur der Trauben: bei einem Candlelight Dinner "mit Bill Withers", Mitte Mai am Ende es "Lovely Day" á la Bill Withers oder oder wenn ich mit derart lebensfrohen, lebensbejahenden Menschen, wie z.B. Steffi einer ist, in einem Lokal bin.

Dann muss auch nirgendwo Bill Withers spielen, dann reicht der Klarinettenvirtuose auf der Brücke gen Alte Nationalgalerie.

Für Steffi jedenfalls wird, da bin ich mir ganz sicher, der Moment kommen, an dem sie fröhlich, am Ufer des Rio Piedra oder auch am Rio Mantaro sitzt, in einem Bungalow (vom Fenster aus kann man Schiffen winken), in einer stillen Sommernacht mit jemandem, der einer Flasche Opus One wirklich und nicht nur dem Namen nach zu würdigen weiß, und vielleicht den Tagebüchern von Klaus Mann sowie als Hintergrundmusik. – was meine Empfehlung zum Abschluss dieses Profils ist - dem wunderschönen Album „Achirana“ des griechischen Pianisten Vassilis Tsaborpoulos, zu dem ich gerade diesen Text niederschreibe.

Und am nächsten Morgen steht man frühest möglich auf, um in der Bibliothek als Erste zwischen den Regalen zu weilen. Vielleicht.. .

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