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Lecture held at the Humboldt-University in Berlin. WORKSHOP 60. Birthday of Dr. H. Parthey 1996

Published in: Interdisziplinarität - Herausforderung an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hrsg. Umstätter, W. und Wessel, K.-F.; Ersch. in Berliner Studien zur Wissenschaftsphilosophie & Humanontogenetik. S.146-160
Kleine Verlag Bielefeld (1999)

Bibliothekswissenschaft als Teil der Wissenschaftswissenschaft

- unter dem Aspekt der Interdisziplinarität

Walther Umstätter

Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt Universität zu Berlin

Man kann Bibliothekswissenschaft mit dem wichtigen Ziel betreiben, Bibliotheken in ihrem Leistungsspektrum zu verbessern. Um dieses Ziel allerdings erreichen zu können, muß man zunächst verstanden haben, was Bibliotheken überhaupt tun. Das klingt trivial, ist aber, wie alle grundsätzlichen Fragen dieser Art, umstritten. Selbstverständlich sammeln Bibliotheken seit Jahrhunderten Bücher und damit ist klar was sie tun. Sie sammeln aber nicht nur Bücher, sondern auch andere Informationsträger wie Papyri, Pergamentrollen oder auch CD-ROMs. Und sie sammeln damit auch nicht alle Informationen, im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern in erster Linie nur publizierte, die also von allgemeinem Interesse sind und die man auch archivieren kann. Diese Informationen ordnen sie synoptisch und machen sie ihren Nutzern aus ökonomischen Gründen möglichst leicht verfügbar.

Aus dieser Tätigkeit heraus ergibt sich ein interessantes Phänomen. Bibliotheken haben in einer einmaligen weise die wissenschaftliche und literarische Leistung der Menschheit aufgezeichnet. An keinem anderen Ort läßt sich der Wissenszuwachs, der Wissensverlust und die gegenseitige geistige Befruchtung der verschiedensten Disziplinen so deutlich nachzeichnen, wie in den Bibliotheken dieser Welt. Dabei leisten uns Kataloge, Bibliographien und seit etwa einem viertel Jahrhundert auch online verfügbare Datenbanken wichtige Hilfe.

So betrachtet wäre Bibliothekswissenschaft sogar die interdisziplinärste aller Wissenschaften, wenn es diesen Superlativ gäbe. Als Methoden nutzt sie allerdings sehr spezielle Hilfsmittel, wie die Infometrie, zu der manche Autoren die Bibliometrie und Informetrie zählen und natürlich die Scientometrie, deren wichtigstes Arbeitsinstrument bisher zweifellos die Bibliografie: Science Citation Index (SCI) war. Damit wird Bibliothekswissenschaft gleichzeitig zu einer eigenen analytischen Wissenschaft, während sie in ihrer Anfangsphase, ebenso wie andere Wissenschaften auch, als eine beschreibende Wissenschaft begann.

Es ist kein Zufall, daß die Wissenschaftswissensschaft am Beginn der "Big Science" steht, die damit erstmals Ansätze einer Planbarkeit zeigt. Wissenschaft wird statistisch berechenbar, auch wenn wir natürlich nicht vorausberechnen können, wer wann welche Entdeckung machen wird. Parthey hat in seinen neueren Untersuchungen interessantes Material zu dieser Problematik geliefert. Er hat nach meiner Auffasssung erstaunlich deutlich gezeigt, daß Spitzenforschung auch in der "Big Science" nichts anders ist, als das Spitzenergebnis normaler Wissenschaft. Diese Erkenntnis ist für das Moderne Wissenschaftsmanagement von eminenter Bedeutung.

Wir messen in der Informetrie interessanter weise Information nicht mehr nur in groben Containereinheiten, wie Bücher, Aufsätze, Seiten oder Wörter, sondern auch präziser in der korrekten Einheit Bit, die bemerkenswerterweise auch für die informationstheoretische Redundanz und das entsprechende Rauschen gilt. In diesem Sinne ist Wissen Information, die durch Redundanz abgesichert wird. Eine Redundanz, die, wenn möglich, auf causal vernetzter Information beruht und damit oft auch interdisziplinären Charakter hat. Daraus ergibt sich für das Wissen, als begründeter Information, ebenfalls zwangsläufig die Einheit Bit. Es sei an dieser Stelle daran erinnert, daß im Weinberg-Report 1963 wohl erstmals die Bestände der Libray of Congress mit 1013 Bit abgeschätzt worden sind.

Kommen wir auf die Frage zurück, was Bibliotheken tun. Sie bemühen sich natürlich nur die Informationen zu sammeln, die wahr, die begründet bzw. von allegemeinem und archivarischem Interesse sind. Ihr Ziel ist es damit, im eigentlichen Sinne Wissen und nicht nur zusammenhanglose Informationen oder überflüssige Redundanz und Rauschen zu sammeln. Das muß nicht unbedingt Wissenschaft im analytischen Sinne sein. Es kann auch die Sammlung narrativen Wissens bedeuten.

Adolf von Harnack, der von 1905 -1921 Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek Berlin war, hat in großer Weitsicht einmal darauf hingewiesen, daß dem Bibliothekswesen ein Darwin fehlt. Es ist klar, daß damit nur gemeint sein konnte, daß es neben der Abstammungslehre der Biologie, auch eine solche bei der geistigen Vererbung von Hypothesen und Theorien gibt. Das ist Interdisziplinarität par excellence. Mit dem SCI haben wir heute das Instrument der Wahl zur Untersuchung dieser geistigen Evolution. Natürlich ist diese Analogie nicht unproblematisch, da die Biologie beispielsweise keine Urzeugung kennt, während wir davon ausgehen, daß eine Theorie jederzeit spontan in verschiedenen Köpfen gleichzeitig entstehen kann, und dies nach Merton (1961), auch einer Poissonverteilung gemäß, wiederholt geschieht.

Da aber Wissenschaft grundsätzlich auf bereits Vorhandenem aufbaut oder dieses falsifiziert, kann allerdings keine dieser "Urzeugungen" Bestand haben, ohne an bereits publiziertes anzuknüpfen. Und hier gibt es eine klare Verpflichtung zum Zitat, auch wenn etwa 10 % der Aufsätze ohne Referenzen erscheinen. Insofern entspricht die Kreativität menschlichen Geistes eher der Katalyse als der Urzeugung. Wissenschaftler verhalten sich wie Enzyme, deren Substrat die zur Zeit lösbaren Probleme sind. Das Produkt sind neue Substrate bzw neue Probleme.

Wenn wir nach Merton (1961) annehmen, daß auf 1000 Wissenschaftler 1000 solcher Probleme kommen, so bleiben entsprechend der Poisson-Verteilung 37% unbemerkt, wie de Solla Price (1974) richtig feststellt. Während 63% gelöst bzw. neuentdeckt werden. Von mehreren Autoren gleichzeitig werden davon 27% publiziert.

Bemerkenswert ist dabei die Feststellung, daß sich anscheinend ein gesundes Gleichgewicht zwischen der Zahl der Probleme und der Wissenschaft gebildet hat, und daß die Lösung von Problemen zu neuen Problemen führt, die sozusagen ein neues Substrat darstellen. Damit sind teilweise neue "Enzyme" erforderlich, die auch neue Paradigmen erfordern können.

Geistige Vererbung findet also nicht dadurch statt, daß Ideen spontan entstehen und von anderen Autoren unverändert weiter transportiert werden. Wir selektieren brauchbares und integrieren bzw. verändern ebenso stetig, wie in der Genetik vererbt, gekreuzt und mutiert wird. Eine Stetigkeit, die Darwin im übrigen in seiner Evolutionstheorie als "gradualness" bezeichnete und zum wichtigsten Kriterium seiner Theorie erklärte (Umstätter, W. 1990). Sowohl für die evolutionsstrategische Entstehung des Lebens, als auch für die Wissenschaft liegt hierin die entscheidende Informationskompression sogenannter innerer Modelle. Wir fügen bei unseren Publikationen den Bibliotheken nicht einfach additiv Informationen hinzu, sondern inkorporieren Bekanntes und Neues in immer leistungsfähigere Theorien. Auf dem gleichen Wege entsteht natürlich auch in Lebewesen eher das, was wir Wissen über diese Welt nennen, als nur eine in der DNS gespeicherte Information. Darin liegt der entscheidende Vorteil der biogenetischen Evolutionsstrategie (Umstätter, W. 1981), gegenüber der trivialen, die nur Versuch und Irrtum kennt.

Das darwinistische Modell ist inzwischen von zahlreichen Autoren, wie Popper, K. R. (1981), Riedl, R. (1982) u.a. in die Erkenntnistheorie integriert worden. Dawkins (1978) hat sogar, dem Gen entsprechend, ein Mem postuliert.

Dies als ein Beispiel, wie sich Bibliothekswissenschaft, Biologie, Philosophie und Wissenschaftswissenschaft interdisziplinär befruchten, weil biogenetische Evolutionsstrategie nichts anderes bedeutet, als Wissen zu gewinnen. Wissen kann im Gegensatz zu vielen Informationen nicht spontan entstehen. Wobei wir nicht vergessen sollten, daß Information im eigentlichen Sinne auch nur syntaktisch auftreten kann, wenn wir sie nicht mit Interpretation verwechseln.

Wir kennen zahllose Beispiele, in denen heute interdisziplinär Information ausgetauscht wird. Das Denken in Analogien gehört zu den wichtigsten Eigenschaften eines Wissenschaftlers und zeichnet die sogenannte Serendipity aus. Dabei geht die größte Gefahr von den unerlaubten Vereinfachungen aus, in denen Assoziation mit Denken verwechselt wird.

Man erinnere sich nur an den Begriff Information als Beseitigung von Ungewißheit, als Energieträger, als Katalysator, als Kommunikationsmittel, als Negentropie, als Rohstoff, als Wirtschaftsfaktor etc. Nicht alle diese Assoziationen halten einem logischen Denkvorgang stand. Auch der Vergleich der Wissensausbreitung mit Diffusionserscheinungen, Epidemiologie oder Revolutionen gehört in diesen Bereich der Analogiesuche in fremden Disziplinen. Die wohl stärkste Beeinflussung der Bibliothekswissenschaft geht zur Zeit eindeutig von der Informationstheorie aus, die ihre Wurzeln in der Telegrafie hat.

Beobachtungen dieser Art veranlassen uns zu der Annahme, daß die Interdisziplinarität zunimmt, weil die Wissenschaft insgesamt wächst. Andererseits beobachten wir gleichzeitig eine zunehmende Spezialisierung der Experten, die zweifellos in der "Begrenztheit des menschlichen Fassungsvermögens" liegt (Planck, M. 1944). Zum dritten sollten wir nicht verkennen, daß gerade unser interdisziplinäres Wissenschaftsverständnis die Klammer für die Einheit der Wissenschaft ist.

Der scheinbare Widerspruch von wachsender Interdisziplinarität und Spezialisierung löst sich in der "Big Science" durch die zunehmende Kooperation der Wissenschaftler, wie Heinrich Parthey unlängst zeigen konnte, indem er eine Korrelation zwischen Interdisziplinarität und Koautorschaft (persönliche Mitteilung) aufzeigte. Die Entwicklung arbeitsteiliger Forschung ermöglicht die Konzentration eines jeden Wissenschaftlers, auf das, was er fachlich überblicken, lesen bzw. geistig verarbeiten kann. So beobachten wir parallel zur Zahl an Wissenschaftlern auch eine gleich große Zunahme an Zeitschriften. Man kann in erster Näherung abschätzen, daß auf dreihundert neue Wissenschaftler dreihundert neue Publikationen pro Jahr kommen und diese zu einer neuen Zeitschrift führen (Umstätter, W. und Rehm, M. 1984). Damit belegt die Bibliothekswissenschaft, die exponentiell wachsende Information, die allerdings nicht mit der eher linear wachsenden Menge an Wissen verwechselt werden sollte.

Das logistische Wachstum, das de Solla Price (1974) aus dem Literaturwachstum für die Wissenschaft gefolgert hat, beruht auf einer solchen Verwechslung. Während Information durchaus unendliche Werte annehmen kann und somit keinem logistischen Kurvenverlauf folgen muß, wissen wir über das Wissen zur Zeit lediglich, daß es durch erhebliche Informationskompression langsamer wächst und somit durchaus endlich sein könnte. Für das Bibliothekswesen wäre eine solche Vorstellung im Bereich der Digitalen Bibliothek, in der Wissenschaftler weltweit gemeinsam Wissensbanken aufbauen und als innere Modelle konzipieren durchaus vorstellbar. Wir befinden uns heute in einem Stadium, in dem ein großer Teil der Wissenschaft planbar geworden ist, und in dem die Wissenschaft, aus der Entwicklung der Bibliotheken heraus, über die Wissenschaft Vorhersagen zuläßt. Eine dieser Vorhersagen betrifft die seit drei Jahrhunderten konstante Verdopplungsrate der Wissenschaftler. Während vor wenigen Jahrzehnten Wissenschaft noch von einer elitären Minderheit getragen wurde, geht heute sogar die Spitzenforschung in ein ganz normales arbeitsteiliges Handwerk von millionen ausgebildeter Spezialisten über. Erst durch den massiven Einsatz solcher "Denkverstärker" wird es in Zukunft möglich sein, die Relation: ein Wissenschaftler pro Problem - zu durchbrechen. Heinrich Parthey (1995) hat sich der Frage der wissenschaftlichen Elite und ihrer Rezeption zugewandt und dabei interessante Ergebnisse über den Wechsel von der "Little Science" zur "Big Science" zutage gefördert. Das wohl deutlichste Ergebnis hierzu ist die geradezu sprunghafte Zunahme an Koautorschaft in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, auch bei Eliteforschern (Abb. 1).

Im Vergleich der Kaiser-Wilhelm-Institute (KWIs) mit den heutigen Max-Planck-Instituten (MPIs) konnte Parthey (1995) ebenfalls zeigen, daß sich auch in der Spitzenforschung Autoren mit hohen Publikationsraten (L-Autoren) die Arbeit mit solchen geringer Publikationsraten teilen. Auch dieses Ergebnis unterscheidet sich nicht erkennbar von der Lotka-Verteilung normaler Wissenschaft. Der Durchschnitt von 1,15 Publikationen pro Jahr und Wissenschaftler entspricht ebenfalls eher dem Durchschnitt. Während 30% der Wissenschaftler in einem Jahr ohne Publikation blieben, veröffentlichten 50% der Autoren weniger als ein Viertel der Publikationen, während die verbleibenden 20% (L-Autoren) z.B. in der Chemie 77% der Publikationen erzeugten (Parthey, H. 1995).

Während Parthey in Übereinstimmung mit R.K. Merton, H.A. Zuckermann und J.R. Cole and S. Cole (zitiert bei Parthey, H. 1995) entsprechend dem Matthäus-Effekt das viel zitierte Prinzip 'success breeds succes' annimmt, sieht er hier durchaus noch Forschungsbedarf. Es ist sicher nichts außergewöhnliches, daß erfolgreiche Autoren entsprechend ihres Erfolgs auch Ansehen finden. Die Frage beim Matthäus-Effekt ist die der Überbewertung in ihrer Anerkennung bei Herausgebern als L-Autoren und bei den sie später zitierenden Lesern.

Wir müssen zunächst davon ausgehen, daß L-Autoren so produktiv sind, weil sie sozusagen "Katalysatoren" zu Papier bringen, für die die Verleger und natürlich auch die Leser einen Bedarf sehen. So betrachtet zeichnen sich L-Autoren normalerweise auch weniger durch geniale Leistungen aus, die niemand versteht, als vielmehr dadurch, daß Herausgeber und Leser ihre Bedeutung zumindest ahnen. Dies ist insofern wichtig, als die Wissenschaft der "Big Science" damit eine immer größere Schar von Experten erfordert, die das gesamte Spektrum an publizierten Ergebnissen auch zu verstehen vermögen. Die Zahl der Wissenschaftler wächst, wie wir bereits sahen, zur Zeit noch direkt proportional zu der Zahl momentan lösbarer Probleme.

Es ist interessant zu beobachten, daß es natürlich eine hohe Übereinstimmung in der Zitation und der L-Autorenschaft gibt, die allerdings weniger daher rührt, daß Herausgeber sich von den Zitationsraten beeinflussen lassen, wie es der Matthäus-Effekt nahelegt, als vielmehr durch die Übereinstimmung der Herausgeber mit den Lesern, in der Einschätzung dessen, was man für wichtig hält. Nur so läßt sich erklären, daß die "mostly cited articles" in erster Näherung von Anfang an viel zitiert werden oder nie. Der Versuch zu zeigen, daß gute Publikationen sich langsam durchsetzten, indem sie zunehmend zitiert werden, ist, bis auf statistische Ausreißer, wiederholt gescheitert, auch wenn sich gute Theorien oft nur langsam ihre Bahn brechen, indem wiederholt neue gedankliche Ansätze publiziert werden, bis zu dem Moment, in dem sie sich wie eine Epidemie ausbreiten (Goffman, W. 1966).

Abb. 1: Prozentualer Anteil der Einzelautorenschaft bei Autoren mit hohen Publikationsraten (* L-Autoren) und mit nicht hohen Publikationsraten ( Nicht-L- Autoren).

Gründe für die Entstehung von L-Autoren sind:

1. L-Autoren haben eine Methode entwickelt oder übernommen, die in der Lage ist, zahlreiche Ergebnisse hervorzubringen. Diese Quelle der Publikationen ist mit Abstand die, die bislang für das Bibliothekswesen am folgenreichsten war. Das gilt für fast alle Fächer gleichermaßen, da viele dieser Methoden hochgradig interdisziplinär sind. Man denke nur an die Statistikprogramme in den heutigen Computern und ihr unübersehbares Einsatzspektrum. Daher ist es auch kein Zufall, daß Aufsätze mit der Beschreibung von Methoden die weitaus höchsten Zitationsraten haben. Es sei nur an Lowry, O.H. et al. und seinen "mostly cited aricle" von 1951 erinnert. Eine Methode, die er übrigens von den Immunologen übernahm und verbesserte. Er selbst war keinesfalls der Meinung, daß dies eine besonders gute Arbeit gewesen wäre (Garfield, E. 1973). Sie wurde lediglich zur Proteinbestimmung allgemein gebraucht. In den Geisteswissenschaften sind es oft Methoden der Darstellung, die sich plötzlich durchsetzen.

2. L-Autoren haben mehr Kooperationspartner (Koautoren), die ihnen neue Perspektiven eröffnen. Hier belegt Abb.1 deutlich, daß L-Autoren prozentual ebensoviel und absolut entsprechend mehr Koautoren haben, wie Nicht-L-Autoren.

3. L-Autoren haben eine bessere Materialquelle als andere Autoren. Als Beispiel mögen die bekannten HeLa-Zellen dienen, die zu ganzen Serien von Publikationen geführt haben.

4. L-Autoren haben ein Forschungsterrain, das ihnen leichter zugänglicher ist. Die Beschreibungen von Entdeckungsreisen der letzten Jahrhunderte sind hierfür klassische Belege.

5. L-Autoren haben bestimmte Literaturquellen, deren besondere Bedeutung nur sie kennen. Das gilt für die Bearbeitung bestimmter alter Fragmente ebenso, wie für seltene Literaturgattungen in bestimmten Spezialbibliotheken oder Archiven. Literatur aus bestimmten Sprachregionen sind hier ebenfalls zu nennen. Es gilt aber insbesondere für den Erkenntnisgewinn aus einer Gesamtschau bereits erarbeiteter und publizierter Ergebnisse. In diesen Bereich gehören unter anderem auch die rund 1% Übersichtsartikel und die State-of-the-art-Berichte.

6. L-Autoren haben eine Theorie, die ihnen das Verständnis für viele Probleme erleichtert. Einsteins Relativitätstheorie hat nicht nur den Versuch von Michelson und Morley von 1887 erklärt, sondern geradezu automatisch zu zahlreichen Publikationen mit weit darüber hinausgehender Bedeutung geführt. In hohem Maße stammten diese Publikationen auch von anderen Autoren, die allerdings rasch zunehmend die Referenz an Einstein vermissen ließen. Dies ist die "Uncitedness III", wie sie Garfield, E. (1973a) nennt.

Er unterscheidet drei Formen der Uncitedness:

Man zitiert nicht allgemein bekanntes, sondern erwähnt nur noch den Namen des Urhebers. Später wird sogar dieses oft unterlassen. Untersuchungen haben gezeigt, daß gerade die "mostly cited articles", statistisch gesehen, eine besonders rasche Abnahme in der Zitation zeigen. Sie lag für 63 'mostly citde articles' im Zeitraum von 1956 bis 1982 mit insgesamt 12122 Referenzen bei t1/2 = 3.2 Jahren.

7. L-Autoren hatten Lehrer die ihnen bestimmte Zusammenhänge transparenter machten. Schüler von Nobelpreisträgern erringen überproportional häufig wieder Nobelpreise (Zuckerman, H. 1967). (Dies könnte allerdings zum Teil auch daran liegen, daß Nobelpreisträger ihrerseits Nobelpreisträger vorschlagen.)

Zusammenfassend kann man festhalten, daß es zwei grundsätzliche Voraussetzungen für eine L-Autorenschaft gibt.

A. Autoren nutzen Methoden oder entdecken Kooperationspartner mit bestimmten für sie interessanten Methoden. Sie entdecken Materialquellen bzw. Forschungsterrains, die sie wiederholt nutzen können.

B. Autoren versuchen aus den Ergebnissen in A. Hypothesen zu falsifizieren bzw. als neue Theorien abzusichern und erkennen verschiedene Konsequenzen.

Nun sollte man bei der L-Autorenschaft allerdings Quantität nicht unbedingt mit Qualität gleichsetzen. Während bei A. die Quantität sogar oft umgekehrt Proportional zur Qualität stehen kann, weil sorgfältige Arbeit viel Zeit kostet, ist es natürlich ein gutes Zeichen, wenn sich eine Theorie an verschiedenen Stellen bewahrheitet.

Aufsätze, Bücher und auch Bibliotheken wirken, wie Informationen allgemein, katalytisch bzw. enzymatisch. Sie können in verschiedenen, oft auch weit entfernten Disziplinen den Fortschritt hemmen oder beschleunigen. Sie katalysieren Denkvorgänge, sobald das nötige Substrat vorhanden ist. Auch hier haben wir es mit einer interessanten interdisziplinären Analogie zwischen Bibliothekswissenschaft und Chemie zu tun. Wir kennen dabei allerdings auch Publikationen, die seit Jahrhunderten zitiert werden, weil ihre Autoren zu einer Erkenntnis führten, die bis heute fast unverändert besteht. Diese Erkenntnisse werden in der Literatur hoch redundant erwähnt, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Dazu gehört das "Ich weiß, daß ich nichts weiß." eines Sokrates ebenso, wie seine Maieutik, die als Methode bis heute unübertroffen blieb. Solche Zitationsklassiker können ebenso offene Probleme kennzeichnen, wie wissenschaftliche Sackgassen. Etwa fünf Prozent der zitierten Literatur sind solche Zitationsklassiker, die nicht, wie bei Garfield, in den "Essays of an Information Scientist", mit den "mostly cited articles" verwechselt werden dürfen. Bei eine Stichprobe von 191 "mostly cited articles" wurde 1956 bis 1982

gefunden. Dabei müßte noch das Wachstum des SCI in dieser Zeit abgezogen werden. Wirkliche Zitationsklassiker zeigen in erster Näherung eine konstant häufigeZitierung, weil ihre Halbwertszeit von etwa 15 Jahren, von der Verdopplungsrate der Literatur bemerkenswerterweise kompensiert wird. Auch die KWIs haben natürlich solche Zitationsklassiker hervorgebracht (Abb. 2).

Abb.2: Durchschittliche Zitationsraten von Zitationsklassikern dreier KWIs, nach Hartung, G. und Parthey, H. (1996)

Daß nach den Ergebnissen von Hartung, G. und Parthey, H. (1996) auch bei diesen Zitationsklassikern aus den KWIs eher "normale" Wissenschaftsproduktion hervorging, ist ein erstaunliches Phänomen. Nur etwa 4,5% sogenannte Zitationsklassiker fanden die Autoren in ihrer Stichprobe. Dies ist deshalb besonders bemerkenswert, weil dieser Wert von de Solla Price (1974) mit 4% und von Umstätter, W; Rehm, M. und Dorogi, S. (1982) für die allgemeine Literatur ebenfalls mit 5% bestimmt wurde.

Interdisziplinarität hat drei Aspekte:

I. Den Aspekt für den einzelnen Wissenschaftler, der für sich ein Optimum zwischen seiner Spezialisierung und seiner wissenschaftlichen Allgemeinbildung sucht. Hier zeigt sich eine interessante Ausgewogenheit bei der Nutzung von Zeitschriften. Während in einer Universitätsbibliothek fast jeder Wissenschaftler ein Kerngebiet hat, mit dem er sich fast allein beschäftigt, bemüht er sich gleichzeitig Zeitschriften zu überwachen, die er mit seinen Fachkollegen teilt. So stehen beispielsweise für den einzelnen Naturwissenschaftler die Spitzenzeitschriften Nature und Science nur an 10ter oder 20ter Stelle, während seine jeweilige Spezialzeitschrift außer ihm selbst kaum jemand in der jeweiligen Universität liest (Abb. 3) (Umstätter, W. und Rehm, M. 1984).

Abb. 3: Ausgewogenheit bei der Nutzung von Spezialzeitschriften und allgemein genutzten Zeit schriften in einer Universitätsbibliothek.

II. Den Aspekt für das wissenschaftliche Team, das beim Wechsel von der "Little Science" zur "Big Science" in zunehmender Koautorschaft arbeitet, was nach Parthey deutlich mit Interdisziplinarität korreliert. Siehe dazu auch Abb. 1.

III. Den Aspekt für die gesamte Wissenschaft, in der sich die einzelnen Themen entsprechend dem "Bradford's law of scattering" jeweils über das gesamte Zeitschriftenspektrum verteilen. Vergleichbares gilt sicher auch für Bücher, in denen eine thematische Dispersion allerdings schwerer bestimmbar ist.

Untersuchungen von Hartung, G. und Parthey, H. (1996) zeigen diese interdisziplinäre Ausbreitung von Erkenntnissen über Zeitschriften der verschiedenen Fachgebiete sehr schön, auch für Zitationen. Ich spreche hier absichtlich nicht von Diffusion, obwohl dieser Gedanke naheliegt. So hat Meadows, A.J. (1976) von einer "diffusion of information across the sciences" gesprochen, die er an Shannons Informationstheorie deutlich zu machen versuchte, als sich diese von 1948 bis 1955 auf 17 unterschiedliche Wissenschaftszweige ausbreitete. Trotzdem hält diese Analogie den realen Beobachtungen von Hartung und Parthey nicht stand, da Diffusionsgradienten im Laufe der Zeit einen erheblich flacheren Verlauf zeigen, als dies beim Bradford's law of scattering der Fall ist (Abb. 4a). Unter diesem Gesichtspunkt käme am ehesten das Infektionsmodell in Frage, da die Immunisierungskomponente Ähnlichkeit mit Garfield's Uncitedness III hat.

Betrachtet man das Zeitschriftenwesen als einen Raum, in dem sich Publikationen zu bestimmten Themen ausbreiten, so kann man entsprechend dem Bradford's law of scattering ein Konzentrationsgefälle bestimmen, und dieses mit Diffusionsgradienten vergleichen (Abb. 4).


Abb. 4a: Von der Zeit abhängiges Diffusionsgefälle, wie wir es bei interdisziplinären Verbreitung von Veröffentlichungen nicht finden.

Abb. 4b: Interdisziplinarität der "Citing Journals" von Themen aus dem KWI für Strömungsforschung (nach Hartung, G. und Parthey, H. 1996). Die Kurve zeigt den Vergleich zwischen dem Bradford's law of scattering und Diffusionsgradienten in Abb. 4a. Als Konzentration wird hier die Zahl an Publikationen pro Zeitschrift gewertet.

Eine Mögliche Erklärungen für den erheblich steileren Verlauf des 'Bradford-Gradienten' ist, daß bei zunehmender Verbreitung eines publizierten Ergebnisses, dieses nicht mehr zitiert wird und damit zunehmend Garfields "Uncitedness III" anheimfällt. Damit einher geht auch die Integration von Ergebnissen in neue umfassendere Theorien.

Auch in diesem Punkt, der interdisziplinären Ausbreitung von Erkenntnissen aus dem KWI für Strömungsforschung, müssen wir feststellen, daß sich Spitzenforschung wie 'normale' Forschung verhält. Wobei wir natürlich zu berücksichtigen haben, daß wir unter 'normaler' Forschung hier die meinen, die im SCI nachvollziehbar ist. Ohne Zweifel eine Auswahl, die beispielsweise die Zeitschriften der Dritten Welt nur mit 1,5% (Gibbs, W.W. 1996) berücksichtigt. Inwieweit darin ein Artefakt, durch Ignoranz des Institute of Scientific Information (ISI), oder auch eine klare Qualitätsfestlegung zu sehen ist, bleibt umstritten. Die Feststellung von Havemann, F. (1996), daß trotz erheblicher Zunahme an Publikationen von Physikern aus Osteuropa in westlichen Zeitschriften seit 1989, deren "uncitedness" relativ und absolut zugenommen hat, wirft in diesem Zusammenhang erhebliche Probleme auf.

Für das anscheinend 'normale' Verhalten der Spitzenforschung, wie es Parthey und Hartung bei KWI und MPI beobachtet haben, müßte natürlich zum Vergleich an anderen Forschungseinrichtungen, wie solchen der Industrie oder der Universitäten, entsprechendes Material erhoben werden. Dabei sind allerdings Forschungsinstitute der Industrie durch die oft notwendige Geheimhaltung eher ungeeignet. Dagegen gibt es Anhaltspunkte dafür, daß die Wissenschaftliche Leistung von Universitäten durchaus aufschlußreich sein könnte.

Vor zwanzig Jahren erschien erstmals die Zeitschrift "Interdisciplinary Science Reviews" in der Meadows A.J. (1976) darauf aufmerksam machte, daß ein Drittel der Autoren zwischen zwei Publikationen bereits ihr Thema gewechselt haben. Nach Meadows, A.J. (1974) haben in den USA auch rund 40% von Ph.D.-Absoventen im Laufe ihres Berufslebens ihr Fachgebiet gewechselt. Diese Form der Interdiziplinarität hat den Vorteil, daß permanent Gedankengut aus fachfremden Bereichen einwandert, sie hat allerdings auch den großen Nachteil, daß wir in allen Fächern und damit in zahllosen Publikationen auch mit erschreckender Laienhaftigkeit konfrontiert werden.

Literatur:

Dawkins, R.: Das egoistische Gen. Springer Verl. Berlin (1978)

Garfield, E.: Citation Frequency as a Measure of Research Activity and Performance. In: Essays of an Information Scientist Vol. 1. S.406-408 (1973)

Garfield, E.: Uncitedness III - The Importance of Not Being Cited In: Essays of an Information Scientist Vol. 1. S.413-414 (1973a)

Gibbs, W.W.: Mißachtete Forschung der Dritten Welt. Spektrum der Wissenschaft August '96 S.82-90 (1996)

Goffman, W.: Mathematical approach to the spread of scientific ideas - the history of mast cell research. Nature 212 S.449-452 (1966)

Hartung, G. und Parthey, H.: Wissenschaftliche Elite und ihre Rezeption 50 jahre später. In: Wissenschaftsforschung. Jahrbuch 1994/95. Hrsg.: Laitko, H., Parthey, H. Petersdorf, J.; BdWi-Verlag Marburg (1996)

Havemann, F.: Changing publication behaviour of east and central european scientists and the impact of their papers. Inf. Proc & Man. 32 (4) S.489-496 (1996)

Meadows, A. J.: Communication in Science. Butterworth, London (1974)

Meadows, A. J.: Diffusion of Information Across the Science. Interdisciplinary Science Reviews 1 (3) S.259-267 (1976)

Merton, R. K.: Singletons and multiples in scientific discovery. A chapter in the sociology of science. Proceedings of the American Philosophical Society 105 (5) 470-486 (1961)

Parthey, H.: Bibliometrische Profile der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (1923-1943). Verl. Vom Archiv zur Geschichte der Max- Planck-Gesellschaft, Berlin (1995)

Planck, M.: Wege zur physikalischen Erkenntnis. Reden und Vorträge S. Hirzel Verlag, Leipzig (1944)

Popper, K. R.: The rationality of scientific revolutions. In: Hacking, I.: Scientific revolutions. Oxford: Oxford Univ. Press S.80-106 (1981)

Price, Derek J. de Solla: Little Sience, Big Science. Suhrkamp Verl. (1974)

Riedl, R.: Evolution und Erkenntnis. München: Piper (1982)

Umstätter, W.: Kann die Evolution in die Zukunft sehen? Umschau 81 (17) S.534-535 (1981)

Umstätter, W; Rehm, M. und Dorogi, S.: Die Halbwertszeit in der naturwissen- schaftlichen Literatur. Nachr. f. Dok. 33 (2) S.50-52 (1982)

Umstätter, W. und Rehm, M.: Bibliothek und Evolution Nachr. f. Dok. 35 (6) S.237-249 (1984)

Umstätter, W.: Die Wissenschaftlichkeit im Darwinismus Naturw. Rundsch. 21 (9) Beil.: Biologie Heute S.4-6 (1990)

Zuckerman, H.: Amer. Sociol. Rev. 32 S.391 (1967)


Last update: 22.4.1999 © by Walther Umstaetter