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Published in: Nachr. f. Dok. 35 (6) S.237-249 (1984)

Bibliothek und Evolution

Umstätter, W. und Rehm, M. (Ulm)

Das Wachstum des menschlichen Wissens, das seinen Niederschlag im gedruckten Wort findet, hat die Bibliotheken gezwungen, wiederholt das Altern wissenschaftlichen Schrifttums zu untersuchen. Dies geschah aus dem pragmatischen Grund, den Nutzern Literatursammlungen von optimaler Bestandsgröße anzubieten und die Nutzung von Ausweichmagazinen möglichst gering zu halten. Dabei fand man mehrfach bestätigt, daß das Zitierverhalten in erster Näherung einer Halbwertszeitfunktion folgt (Umstätter, W. et al. (1982) (59)). Bemerkenswerterweise zeigte die Nachprüfung dieser Untersuchungen, daß die Zeitschriftenbenutzung dem Zitierverhalten entspricht, soweit es sich um ältere Publikationen (mehr als zwei Jahre) handelt. Zwei auffallende Abweichungen von der Halbwertszeitfunktion waren zu erkennen bei

- den als "citation classics" zu bezeichnenden Arbeiten, die überproportional oft zitiert und              bestellt wurden, und

- der Literatur der letzten zwei Jahre, die weitaus häufiger angefordert als zitiert wurde.

In diesem Zusammenhang müssen in dem Aufsatz von H. M. Artus (1983) (1), der sich mit unseren Untersuchungen kritisch auseinandergesetzt hat, vier Punkte richtig gestellt werden.

1. Wir haben nicht behauptet, daß die Halbwertszeit naturwissenschaftlicher Literatur von einem "quasi naturgesetzlichen und allgemeingültigen Charakter" sei.

2. "Der Schluß, daß es sich bei der,Halbwertszeit' um ein bloßes Forschungsartefakt handelt", ist unhaltbar, da die mehrfach beschriebene Abnahme der Benutzung von Zeitschriften von uns bestätigt werden mußte. Dabei sind wir absichtlich nicht den Versuchen einiger Autoren (Line, M. B. (1970) (32) gefolgt, eine präzisere funktionale Beschreibung des Nutzungsverlaufs zu erreichen, weil die Schwankungsbreiten der beobachteten Werte dies unserer Ansicht nach nicht rechtfertigen.

Die in der Kritik gemachte Anmerkung, daß Wissenschaftler ein Vielfaches der benutzten und zitierten Literatur sichten müssen, ist gerade in unserer Arbeit aus der Halbwertszeitfunktion heraus einer Quantifizierung unterzogen worden. Nach Price, D. J. de Solla (1965) (42) - eine Arbeit, die Artus nur indirekt zitiert - werden durchschnittlich 100 Publikationen gelesen, um 10 zu zitieren.

Diese Aussage wurde durch unsere Untersuchungen ergänzt. Die Wissenschaftler in Ulm bestellten im Verhältnis gesehen insgesamt etwa 927 noch nicht zitierte Arbeiten als Kopien und etwa 1297 bereits zitierte. Von den Veröffentlichungen des letzten Jahres wurden danach vermutlich ein Drittel weniger zitiert als von denen, die bereits als Referenzen gefunden worden waren. An dieser groben Abschätzung zeigt sich ein Teil des Selektionsgrades und des "struggle for life" wissenschaftlicher Erkenntnisse. Hinzu kommt noch ein nicht näher untersuchter Anteil an Selektion, der beim Sichten der Zeitschriften eliminiert wird.

Auch wenn, wie kritisch bemerkt, vorn sozialwissenschaftlichen Standpunkt eine tiefer gehende Betrachtung sicher wünschenswert wäre, so ist es, zumindest für den Bibliothekar, nicht unwichtig zu wissen, welche Informationen in welchem Umfang bereitgestellt werden müssen.

Daß das Altern der Literatur nicht direkt mit dem von Information, geschweige von Wissen gleichgesetzt werden kann, ist aus zwei Gründen selbstverständlich: Zum einen wissen wir nicht, wie schon Norbert Wiener, Karl Steinbuch u. a. bemerkt haben, was Information wirklich ist, zum anderen haben wir keine Einheit, mit der wir zur Zeit Wissen messen können. Auf den Zusammenhang zwischen dem Veralten der Literatur und dem Wachstum hat neben Price, D. J. de Solla (1965) (42) und Line, M. B. (1970) (32) in letzter Zeit auch Schreiber, H. (1982) (48) hingewiesen.

3. Bei der Gegenüberstellung der Werte der "citation classics" mit den unsrigen muß berücksichtigt werden, daß es sich dort um eine ausgewählte Stichprobe von Zitaten handelt, so daß die Ergebnisse so nicht miteinander verglichen werden dürfen. Wie Artus richtig sagt, sind korrekte Referenzen "stellvertretend für ganze Konzeptionen, Theorien oder Veröffentlichungen..." und zeigen, daß ein"Vorwissen existiert, das durch bloße Erwähnung aktiviert werden kann". Eben aus diesem Grunde wurde von uns auch nicht versucht, alle "Einschränkungen bei Burton/Kebler" sowie die Diskussion der anderen zitierten Aufsätze zu wiederholen.

4. Das Hauptmißverständnis scheint darin zu liegen, daß die Analogie zwischen der Halbwertszeit radioaktiver Substanzen und der von Zeitschriftenaufsätzen unmöglich so verstanden werden darf, daß eine Homologie zwischen dem einzelnen Aufsatz und dem zerfallenden Molekül vorliegt. Solange wir keine Maßeinheit für das Wissen haben, ist es reine Spekulation, den Wissenszuwachs in der Literatur bestimmen zu wollen. Daß die "Nutzungsrate von Literatur mit ihrem Veralten bzw. Wertverlust" nicht gleichgesetzt werden kann, ist also selbstverständlich, da der Wert durch uns weder bestimmt werden konnte noch sollte. Inwieweit hier der mittlere Informationsgehalt nach Shannon, C. E. und Weaver, W. (1962) (51) herangezogen werden könnte, ist fraglich. Andererseits sollte man die Tatsache, daß eine Publikation in einer Zeitschrift - statistisch gesehen - eine Informationseinheit darstellt, nicht ganz außer acht lassen. Aus dem methodischen Ansatz heraus ist also klar erkennbar, wo die Grenzen der Untersuchung liegen.

Die Parallele zwischen dem Zitier- und Bestellverhalten von Wissenschaftlern dürfte weniger "naturgesetzlich" erklärbar sein, als vielmehr aus dem Bemühen heraus, alle wesentlichen Arbeiten der Geschichte einerseits und den neuesten Forschungsstand andererseits kennenzulernen.

Da sich gezeigt hat, daß neben der zitierten Literatur das Sichten der neusten Zeitschriftenhefte den größten Teil der Nutzung einer naturwissenschaftlichen Zeitschriftenbibliothek ausmacht, soll dieser Tatbestand näher untersucht werden.

In einem Zeitschriftenlesebereich der Universitätsbibliothek Ulm wurden die auf den Auslageklappen liegenden neusten Hefte zu Beginn der Untersuchung links in Anschlag gebracht und ihre Verschiebung am Ende der Arbeitstage registriert. Auf diese Weise wurde die Benutzung von 1033 Periodika über 40 Tage verfolgt. Unsere Befürchtung, den Nutzern würde auffallen, daß wir die Zeitschriftenhefte nach einem System verschoben hatten, zerstreute sich rasch, da wohl durch die auf den Auslageklappen hinterlegten Titelblätter das gewohnte unruhige Gesamtbild des Ablagesystems erhalten blieb. Auch die Vermutung, Benutzer könnten zufolge ihres Ordnungssinnes die Hefte nach ihrer Entnahme wieder in die Lage bringen, in der sie sie vorgefunden hatten, bewahrheitete sich nach Voruntersuchungen nicht. Die Möglichkeit, daß sich beim Anheben der Auslageklappe das mit jeweils neuste Heft verschieben kann, störte die Untersuchung wenig, da zum einen ältere Hefte weniger oft gebraucht werden, ohne daß das neuste Heft gesichtet und wird, und zum anderen bei der im Frühjahr 1982 durchgeführten Aktion größtenteils jeweils nur das erste Heft vorlag. Die wiederholte Benutzung eines Heftes sollte hier nicht bestimmt werden.

Die Untersuchung ergab, daß nach etwa 6 Arbeitstagen die Hälfte aller beobachteten Zeitschriften benutzt worden war:

Tab. 1

Benutzung der Zeitschriften     gezählt berechnet
nach
1. Arbeitstag  (Mo)                115     113
2. Arbeitstag  (Di)                 -      214
3. Arbeitstag  (Mi)                302     304
4. Arbeitstag  (Do)                415     384
5. Arbeitstag  (Fr)                472     455
6. Arbeitstag  (Mo)                500     518
7. Arbeitstag  (Di)                533     575
8. Arbeitstag  (Mi)                 -      625
9. Arbeitstag  (Do)                594     670
10. Arbeitstag (Fr)                654     710
20, Arbeitstag (Fr)                891     932
30. Arbeitstag (Fr)               1011    1002
40. Arbeitstag (Fr)               1033    1024
Aus technischen Gründen konnte am 2. und 8. Arbeitstag die Benutzung nicht festgestellt werden.

Dabei fanden wir einen funktionalen Zusammenhang von der Form

y = yo.e - 0,116   ,

was einer Halbwertszeit von 6 Arbeitstagen entspricht.

Sieht man von den zu erwartenden Schwankungsbreiten ab, so ist interessant, daß am 1. Tag 11% der Zeitschriften ebenso am 2. Tag, wobei bei zufälligem Zugriff auch 11% (= 12) der Zeitschriften des Tages zuvor wieder in Benutzung waren und damit nur 10% neue usw. Mit anderen Worten: Unsere Untersuchung läßt vermuten, daß die Benutzer täglich 113 rein zufällig ausgewählte Periodika sichten. Da wir aber wissen, daß mehrere Zeitschriften täglich und andere nur einmal in etwa 5 Wochen genutzt werden (Umstätter, W., Rehm, M. (1982) (60)), handelt es sich bei den 12 Zeitschriften des zweiten Tages vermutlich vorwiegend um täglich benutzte Titel wie z. B. Nature, Science, Die Naturwissenschaften, Naturwissenschaftliche Rundschau. Rechnet man hier nur in ganzen Zahlen, was bei den zu beobachtenden Streuungen realistischer ist, so ergeben sich in etwa folgende Werte (Tab. 2).

D. h.: Jede Zeitschrift (der 1033 Zeitschriften) wird (in 40 Tagen) durchschnittlich 2,08 mal benutzt. Dabei sind die Mehrfachentnahmen pro Tag unberücksichtigt geblieben.

Tab. 2

12 Titel, jeden     Tag benutzt,  sind in 40 Tagen 493 Benutzungen
11 Titel, jeden  2.  Tag benutzt, sind in 40 Tagen 220 Benutzungen
10 Titel, jeden  3.  Tag benutzt, sind in 40 Tagen 130 Benutzungen
 9 Titel, jeden  4.  Tag benutzt, sind in 40 Tagen  87 Benutzungen
 8 Titel, jeden  5.  Tag benutzt, sind in 40 Tagen  62 Benutzungen
 7 Titel, jeden  6.  Tag benutzt, sind in 40 Tagen  46 Benutzungen
 6 Titel, jeden  7.  Tag benutzt, sind in 40 Tagen  35 Benutzungen
 5 Titel, jeden  8.  Tag benutzt, sind in 40 Tagen  27 Benutzungen
 5 Titel, jeden  9.  Tag benutzt, sind in 40 Tagen  22 Benutzungen
 4 Titel, jeden 10.  Tag benutzt, sind in 40 Tagen  17 Benutzungen
     .                                               .
     .                                               .
     .                                               . 
113                                                1225
Einmalig benutzte Titel in  40  Tagen:            + 
920
                                                   2145 Benutzungen
Wir haben es also mit zwei Arten von Zeitschriften zu tun:

- solche, die von mehreren Benutzern gebraucht werden, und

- solche, die Spezialliteratur für einzelne Nutzer darstellen.

Rechnet man die allgemein genutzten Kernzeitschriften zusammen, so kommt man in unserem Beispiel auf 113 Titel, die 57% der Benutzung abdecken. Die pro Tag genutzte Kernliteratur liegt bei 12 + 11/2 + 10/3 + 9/4 + 8/5 + ... = 30 Zeitschriften. In dem hier betrachteten Fall kann man sich vorstellen, daß die Nutzer sich bemühen, einerseits allgemein wichtige Zeitschriften, wie Nature, Science usw., im Auge zu behalten und andererseits ihr Spezialgebiet genau zu verfolgen (Abb. 1).

      Abb.1: Nutzung von Spezial- und allgemeinen Kernzeitschriften.

Bemerkenswert ist, daß mit 6% der Zeitschriften 50% der Leserwünsche (bezogen auf die Durchsicht der neusten Zeitschriften) befriedigt werden können, obwohl sie für den jeweiligen Wissenschaftler sicher nicht die wichtigsten Titel sind. Betrachtet man beispielsweise eine Zeitschrift wie Onkologie, so läßt sich aus den Journal Citation Reports (1982) (21) entnehmen, daß auch für den deutschen Onkologen Zeitschriften wie Cancer, Cancer Research, Cancer Treatment Reports, New England Journal of Medicine, Lancet, British Journal of Cancer, DMW u. a. in der Bedeutung noch vor Natur und Science rangieren. (Siehe hierzu auch: Umstätter, W., Rehm, M. (1981) (57)) Teilt man die Zahl der Zitate, die in der Zeitschrift Onkologie auf Nature bzw. Science entfallen, durch die Zahl der auf die am häufigsten zitierte Zeitschrift (Cancer) entfallenden Zitate, so erhält man einen Wert für den Rang dieser Titel, z. B. für Nature 9% und Science 7%. Dieses Verfahren läßt sich in den Journal Citation Reports für alle diejenigen Zeitschriften durchführen, die im Science Citation Index (SCI) aufgenommen sind. Da die Listen nicht vollständig sind (es wird meist nur die erste Hälfte der Zitatverteilung aufgelistet), kann der Rang von Kernzeitschriften nicht genau bestimmt werden. Für 16 Zeitschriften verschiedener Fachgebiete ergab sich ein Wert von 22,3% für Nature und 15,6% für Science. Berücksichtigt man diejenigen Zeitschriften, in welchen Nature und Science nicht in den Listen auftauchen, so muß der Rang noch weitaus niedriger liegen. Wir stellen demnach fest, daß die Bedeutung der allgemeinen Kernzeitschriften für den einzelnen Wissenschaftler vermutlich noch unter 10%, in der oben genannten Einheit, liegt. Die Titel, welche nur einmal in 40 Tagen gesichtet wurden, sind nicht selten die Kernzeitschriften einzelner Forscher. Selbstverständlich sind dabei auch Organe, die von Bibliotheken oft durch Schenkung oder Tausch erworben werden und teilweise nur geringen Wert haben. Ihre Benutzung hat meist bloß "Kuriositäten" -Charakter. Dies erklärt vermutlich auch die "Nutzung" der letzten zwei Prozent der Halbwertszeitfunktion zwischen dem 30. und 40. Tag.

Der Grund für die Benutzung von allgemeinen Kernzeitschriften liegt zum Teil darin, daß sie nicht selten Vorreiter für neue Sachgebiete sind. In der Bibliographie "Biochemie der Entstehung des Lebens" (Schriefers, H., Rehm, M. (1976) (49)) zeigt sich, daß Science und Nature bis Anfang der siebziger Jahre die meisten Beiträge zum Thema enthielten. Dann nahm sich die Zeitschrift "Space Life Sciences" des Themas an, um sich ihm ab 1974 als "Origins of Life" schwerpunktmäßig zu widmen. Damit wurde sie zum Attraktionszentrum für alle Autoren und Leser dieses Fachgebietes (Tab. 3).

Tab. 3

                                      1959    1962    1965    1968 
   1971    1974
                      
Science                                  3       4      23       8      
17       5
Nature                                   -      13      13       8 
     10      13
Origins of Life                          -       -       -       - 
      -      33
Space Life Sciences                      -       -       -       2 
      6       -
Journal of Molecular Evolution           -       -       -       - 
      3      13
Proceedings of the National              -       2       6       4 
      3       -
Academy of Sciences of the United
States of America
Geochimica et Cosmochimica Acta          -       2       -       3 
     13       -
Naturwissenschaftliche                   -       1       3       3 
      1       1
Rundschau
Journal of Theoretical Biology           -       -       2       - 
      5       1
Life Sciences and Space Research         -       -       -       5 
      -       3
Journal of the British                   -       -       -       8 
      -       -
Interplanetary Society
Theory and Experiment in                 -       -       -       - 
      7       -
Exobiology
Scientific American                      2       -       -       - 
     14       -
La Recherche                             -       -       -       - 
      4       3
Biochimica et Biophysica Acta            -       -       1       3 
      2       -
Experientia                              2       -       -      
 2       2       -
Summe aller gesammelten
Publikationen                           23      54      75      83 
    132      99*
Daß die Entstehung einer neuen Spezialzeitschrift auf das Wachstum des neuen Fachgebietes und des dringenden Wunsches der Fachwelt, ein eigenes Organ zu gründen zurückgeführt werden kann, zeigt sich am Zuwachs der Publikationen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß bei unzureichender Bedarfsuntersuchung auf diese Weise manche Zeitschriften ins  Leben gerufen werden, die wegen mangelnder Nachfrage wieder eingestellt werden müssen. Außerdem kann bei wesentlich niedrigeren Wachstumsraten, wie bei dem untersuchten Fall, zwar ein Bedarf bestehen, der jedoch über Jahre im Bereich des Schwellenwertes bleibt. Folgt man einer Schätzung von 1500 Zeitschriftenneugründungen und 700 Einstellungen pro Jahr, so bedeutet dies nicht nur, daß jährlich einige hundert neue Spezialgebiete entstehen, denen sich einige Wissenschaftler auf der Welt widmen, sondern auch, daß die Zahl der Zeitschriften unterteilt werden müßte, und zwar in die stabil erscheinenden und die eingestellten bzw. die gefährdeten. Aus diesen Gründen kommt es zu Schätzungsunterschieden von etwa 30 000 bis 100 000 erscheinenden Zeitschriften. Nach Price, D. J. de Solla (1980) (38) soll es heute etwa "40 000 scientific and technical journals" geben. Zu den Neugründungen ist zu bemerken, daß sie nicht selten nur ein neuer Start unter neuem Namen sind, was die Zahl der neu entstehenden Spezialgebiete pro Jahr erheblich niedriger erscheinen läßt. David, H. (1974) (11) gibt einen Anteil von etwa 40% "Ghosts" an.

Zum Gesamtthema "Origin of life" dürfte 1974 die Zahl der Publikationen (je nach Einschätzung der Relevanz) bei 200 bis 300 Arbeiten gelegen haben. Eine Hochrechnung ergab über das Bradford's Law of Scattering bzw. der Überlappung mehrerer Recherchen (Umstätter, W., Rehm, M. (1981) (56)) etwa 210 Zitate (1974). Damit besteht eine Analogie zu der Feststellung von Price, D. J. de Solla (1974) (40), daß sich parallel zur Entstehung 300 neuer Zeitschriftentitel ein neues Literaturdokumentationssystem bildet. Entsprechend könnte man vermuten, daß bei 200 bis 300 Aufsätzen pro Jahr über ein neues Spezialthema sich jeweils eine neue Zeitschrift des Themas annimmt. Das Bradford's Law of Scattering ergibt sich aus der Attraktion der Spezialzeitschriften und diese aus der Aufnahmekapazität der Wissenschaftler. Der Ruf nach einer neuen Fachzeitschrift zeigt die Grenzen der Überschaubarkeit an. Wird ein Arbeitsgebiet in seiner Unüberschaubarkeit, trotz eigener Spezialzeitschriften, zu groß, muß sich der Wissenschaftler verstärkt spezialisieren. Die Angabe, daß sich die Zahl der Artikel schneller erhöht als die Zahl der Zeitschriften, d. h. daß es zu einer Konzentration kommt, bestätigt das Gesagte (David, H. (1974) (11)). So soll das die Elektronenmikroskopie in der Biologie betreffende Schrifttum von 1950 bis 1970 um den Faktor 120 gewachsen sein, während die Zahl der Zeitschriften, die sich mit diesem Thema beschäftigten, um das 35fache stieg, so daß der Konzentrationseffekt hier bei etwa 3,4 liegt.

Im Falle der oben genannten Bibliographie der Entstehung des Lebens sind Faktoren für das Verhältnis von Zahl der Aufsätze/Zahl der Zeitschriften wie folgt festzustellen:

1959    1962    1965    1968    1971    1974
1,4     1,6     2,7     2,1     3,3     
4,5.
Bei Vervollständigung der Zitate für 1974 dürfte auch hier der Faktor unter 4 liegen und damit einer Sättigung bei 3,5-4 entgegengehen.

Dadurch, daß wir bei unseren bisherigen Zeitschriftenbenutzungsanalysen die Mehrfachentnahmen nicht zählen konnten, sind wir gezwungen, auf die Stichprobe der sogenannten Laschenmethode (Umstätter, W., Rehm, M. (1982) (60)) zurückzugreifen. Wegen des hohen Arbeitsaufwandes mußte die Stichprobe relativ klein gehalten werden. Für die Mehrfachnutzung ergaben sich (bei 34 Testzeitschriften) in etwa folgende (wenn auch nicht repräsentative) Werte (Tab. 4).

Tab. 4

Jeden           Tag wurden       6%
Jeden    2.     Tag wurden      18%
Jeden    3.     Tag wurden      12%
Jeden    4.     Tag wurden      14%
Jeden    5.     Tag wurden       8%
Jeden    6.     Tag wurden       6%
Jeden    7.     Tag wurden       3%
Jeden    8.     Tag wurden       3%
Jeden   10.     Tag wurden       3%
Jeden   13.     Tag wurden       3%
Jeden   20.     Tag wurden       6%
Jeden   40.     Tag wurden      18%
der Zeitschriften mehrfach genutzt.
Im Vergleich zu den ersten Ergebnissen bzw. berechneten Abschätzungen erkennen wir, daß die mehrfach benutzten Zeitschriftenhefte einen größeren Nutzungsanteil haben. Dies führt zu der Vorstellung, daß es neben den allgemein genutzten zentralen Kernzeitschriften sozusagen Epizentren für Teilgebiete gibt. Die Konsequenz ist, daß Bibliotheken, die gezwungen sind, Zeitschriften abzubestellen, vor die Wahl gestellt werden, entweder für bestimmte Benutzer essentielle Titel zu streichen oder Journale für die breite Nutzerschaft preiszugeben. Im zweiten Fall besteht die erhöhte Gefahr, daß Innovationen leicht übersehen werden können. Entscheidend an dieser Überlegung ist, daß die quantitativ hohe Nutzung einiger weniger Zeitschriften oft dazu verleitet, die Bedürfnisse der Spezialisten zu unterschätzen.

Wenn Garfield, E. (1980) (20), S. 476 darauf hinweist, daß eine Allgemeinbibliothek ihren Bedarf ebenso vollständig mit einigen hundert Zeitschriften abdecken kann wie eine Spezialbibliothek, so bedeutet diese Aussage auch, daß die Allgemeinbibliothek die Spezialinteressen ihrer Benutzer nicht befriedigen kann.

Vergleicht man in der Deutschen Bibliotheksstatistik (1981/1982) eine Reihe (n = 31) großer Universitätsbibliotheken, geordnet nach ihrem jährlichen Zuwachs an Bänden, so zeigt sich zwischen ihm und den jeweils ausgeliehenen Bibliotheksmaterialien ein linearer Zusammenhang (Abb. 2).

0- 20000   -40000    -60000   >60000
   13448    29099     48466    77724  neue Bände
  183495   238973    338140   469089  Ausleihen
y = 4,52x  + 116723.

Abb. 2: Zusammenhang zwischen Zuwachs und Ausleihe von Bibliotheksbänden.

Auffallend ist, daß nach dieser Gleichung über 105Ausleihen erfolgen müßten, auch wenn kein neuer Band (nicht nur Zeitschriften) im Jahr erworben würde. Dies liegt verständlicherweise daran, daß in der linearen Darstellung auf der Abszisse nur neue Bände berücksichtigt werden konnten.

Rein rechnerisch entfallen 116 723 Bestellungen auf 25 824 Bände. Diese vergleichsweise geringe konstante Zahl besagt sicherlich nicht, daß der übrige Bibliotheksbestand überflüssig wäre, sondern vielmehr, daß es sich bei den Anforderungen um Kerninformationen im oben beschriebenen Sinne handelt. Dabei spielt auch die Halbwertszeit eine wichtige Rolle, ebenso die Tatsache, daß bei der Ausleihe in der Regel immer nur Material erscheinen kann, das katalogisiert ist und damit ein gewisses Alter aufweist (Umstätter, W., Rehm, M. (1982) (55)). Außerdem bezieht sich natürlich nur ein Teil der ausgeliehenen Materialien auf Bücher.

Bedeutsamer ist die Steigung der Geraden mit einem Inkrement von 4,52 Ausleihen pro neu beschafftem Band. Wir finden also einen linearen und keinen, wie vom Bradford's Law of Scattering zu erwartenden, exponentiellen Zusammenhang. Mit anderen Worten: Die große Bibliothek ist, in Bezug auf die Nutzung ihres Bestandes, nicht unwirtschaftlicher als die kleine.

Auch für die Gesamtausleihe 1982 läßt sich für 54 Universitätsbibliotheken eine lineare Korrelation zu den laufenden Zeitschriften mit einem r von 0,98 feststellen. Eine lineare Korrelation zum Gesamtbestand 1982 ist nur bis zu einer Größe von etwa 1 1/2 Mill. Bände gegeben. Darüber hinaus zeigt sich sogar die starke Attraktion großer Bibliotheken (Abb. 3).

     Abb. 3: Verhältnis der Ausgaben in DM - - - bzw. des Bestandes an Bänden        zur                Ausleihe in den Universitätsbibliotheken der Bundesrepublik.

Noch deutlicher wird diese Erscheinung bei den Gesamtausgaben. Im Bereich der 8 bis 10 Millionen-Haushalte kommt es sogar zu einer Umkehrung. Die Gründe hierfür können vielfältig und hinsichtlich der finanziellen Restriktionen 1982 sogar alarmierend sein.

Zweifellos sind die Zahlen der Deutschen Bibliotheksstatistik ohne Kenntnis der jeweiligen lokalen Umstände ungenügend. Daher gelten die hier gewonnenen Werte nur für ausreichend groß gewählte Klassen (3-4). Sowohl die verschieden großen Freihandbestände, deren prozentuale Anteile mit der Größenzunahme der Bibliotheken eher abnimmt, als auch die jeweiligen räumlichen Gegebenheiten erschweren u. a. die Betrachtung. Ohnehin muß berücksichtigt werden, daß das Erreichen hoher Ausleihzahlen - und ihre statistische Erfassung zum Nachweis der Bibliothekseffektivität - die Magazinierung begünstigt und damit eine umfassende Nutzung erschwert. Gerade das Sichten und Auswählen ist eine der fundamentalen dokumentarischen Tätigkeiten der Wissenschaftler, die ihnen nur die Universitätsbibliothek bieten kann.

Wie wir eingangs festgestellt haben, täuschen die Benutzungen sozusagen ein quasi randomisiertes Verhalten vor, indem täglich etwa 11% des Gesamtbestandes entnommen werden. Eine entsprechende Beobachtung wurde auch bei Literaturdokumentationssystemen gemacht (Umstätter, W., Rehm, M. (1981) (56); Umstätter, W. (1982) (58)). Ihre Produzenten bemühen sich ebenfalls, die Spezialinteressen ihrer Nutzer weitgehend zu befriedigen und trotzdem die allgemein interessierenden Publikationen, die auch in anderen Dokumentationssystemen enthalten sind, nicht zu vernachlässigen. Diese Parallele zwischen dem Nutzungsverhalten des einzelnen Wissenschaftlers und einer Dokumentation ist mehr als nur eine Analogie: Auch der Wissenschaftler erstellt für sich eine Dokumentation - eine Betrachtungsweise, die nicht unbedeutend für die geringe Nutzung der sogenannten Sekundärinformation ist (Jungjohann, K., Bernhardt, U. (1980) (25)). Dabei geht er ebenfalls so vor, daß er möglichst alle seine Spezialzeitschriften genau verfolgt und darüber hinaus die allgemeinen Kernzeitschriften im Auge behält.

Nach Meadows, A. J. (1974) (33) werden etwa 50% der Literatur im eigenen Feld gelesen, 25% aus der allgemeinen Naturwissenschaft und Technik und 25% aus benachbarten Fächern. So lesen etwa 15% der englischen Ingenieure den New Scientist. Etwa 70% der Lesezeit konzentriert sich bei den Wissenschaftlern auf Zeitschriften. Nur 11 von 429 Aufsätzen (2,6%) in 25 Zeitschriften der Psychologie wurden von 10 oder mehr Prozent der Wissenschaftler gelesen. Rund 70 bis 80% der gelesenen Aufsätze stammen aus dem zurückliegenden Jahr.

So gesehen steht der Wissenschaftler in Konkurrenz zu den großen Datenbasen sowie zu seinen Fachkollegen. Er versucht auch, ebenso wie die Datenbankproduzenten, nach Möglichkeit einem zu großen "Overlapping" auszuweichen, indem er ein Fachgebiet bearbeitet, das eine Marktlücke darstellt - biologisch betrachtet: eine ökologische Nische.

Sowohl die Nutzung der neusten Zeitschriftenhefte in der Universitätsbibliothek Ulm als auch der Vergleich der Ausleihzahlen in den verschiedenen Universitätsbibliotheken zwingt uns, von der verbreiteten Vorstellung abzugehen, es gäbe einige wenige Zeitschriften hoher Qualität, wie beispielsweise die im Science Citation Index aufgeführten Journale, und viele andere Periodika von minderer Bedeutung. Selbstverständlich kann nicht bezweifelt werden, daß es Qualitätsunterschiede gibt, und daß häufig die viel genutzten und attraktiven Kernzeitschriften bessere Voraussetzungen haben, um ihre Qualität noch zu erhöhen bzw. sie zu erhalten. Entscheidend ist aber, daß für den einzelnen Benutzer einer naturwissenschaftlichen Bibliothek andere als die Kernzeitschriften oft die höhere Priorität haben. Trotzdem ist jede Bibliothek gezwungen, zunächst die Kernzeitschriften laufend zu beziehen, um möglichst viele der Benutzerwünsche abzudecken, die sich durch die überlappenden Interessen ergeben.

Es muß zu denken geben, daß trotz der bestehenden großen Datenbasen und der Anstrengungen im IuD-Bereich das wichtigste Literaturnachweissystem der Wissenschaftler die Zitateanhänge geblieben sind (Umstätter, W., Rehm, M. (1982) (60)). Eine hervorragende Stellung nehmen dabei die Reviews ein (Runge, W. (1983) (47)). Sie sind nicht nur die gedruckten Ausgaben der "Privatdokumentationen" von Wissenschaftlern, sie sind auch Wertungen und damit Selektionsmechanismen.

Über diesen Selektionsmechanismus erfahren wir etwas durch den Science Citation Index. So schreibt Eugene Garfield (1976) (19) S. 420: "However, we know or can assume that only about half the papers ever published will be cited in any particular year". Über die "Journal Citation Reports" (1982) können wir für die Jahre 1961, 1970 und 1980 die folgenden Halbwertszeiten ermitteln:

1961: C = 11,993 x e - 0,5121x t

            C1/2 = 4,5 Jahre

1970: C = 12,356 x e - 0,1438 x t

            C1/2 = 4,8 Jahre

1980: C = 11,365 x e - 0,1262 x t

            C1/2 = 5,5 Jahre.

Die scheinbare Zunahme der Halbwertszeit dürfte mit der Auswahl der Quellen zusammenhängen. So hat sich die Zahl der Referenzen pro Aufsatz beim SCI verschoben:

1961: 12,1 Referenzen/Aufsatz

1970: 11,4 Referenzen/Aufsatz

1980: 15,9 Referenzen/Aufsatz.

Der Science Citation Index berücksichtigt überproportional viele Review-Artikel. Wir können also weiterhin von einer Halbwertszeit von etwa 5 Jahren ausgehen.

Nun hat Eugene Garfield (1976) (19) versucht zu zeigen, daß ein konstantes Verhältnis zwischen den jährlich erzeugten Referenzen und der Zahl der von diesen zitierten Aufsätzen besteht. Diese Garfield'sche Konstante C soll 1,7 betragen:

C = G x L x R / U x L  

G = Growth rate

L = extant Literature

R = References per paper

U = Utilization factor.

Bei Kürzung von L errechnet Garfield für C

1,7 = 0,7 x 12 / 0,5

Bei einer geringeren Wachstumsrate, die Garfield für möglich hält und bei Price, D. J. de Solla (1974) (40) als wahrscheinlich anzusehen ist, ergäbe sich für die Ausnutzung U = 33% statt 50%:

1,7 = 0,046 x 12 / 0,326

Nach unserer heutigen Kenntnis müssen wir allerdings bezweifeln, daß C konstant ist. Die "Journal Citation Reports" geben für 1981 einen Wert von 1,99 und für 1961 von 1,52 an. Dies läßt vermuten, daß C eine Abhängigkeit von der Größe des SCI widerspiegelt.

Nehmen wir einmal näherungsweise an, daß 1960 eine Million Arbeiten erschienen sind, von denen entsprechend der Halbwertszeitfunktion 11,5% im SCI 1961 zitiert worden sind, dann lassen sich bei einer Verdopplungsrate von 15 Jahren und den Angaben aus den "Journal Citation Reports" die folgenden Werte gewinnen:

        Publikationen    Im SCI davon im    Garfields
                         folgenden Jahr     Konstante
                         zitiert
1960       1 x 106         11,5%           1,52
1970     1,6 x 106         19,8%           1,76
1980     2,5 x 106         22,2%           1,96
Die Garfield'sche "Konstante" steigt also linear mit dem Wachstum des SCI und läßt einen funktionalen Zusammenhang vermuten:

A = 1,07 + B x 3,8

A = "Garfield's Konstante"

B = Anteil der zitierten Literatur im folgenden Jahr.

Mit anderen Worten: Von den für 1981 angenommenen 2,6 Mill. naturwissenschaftlichen Publikationen mit je 12 Referenzen im Durchschnitt beziehen sich nach der Halbwertszeit 4 Mill. auf 1980. Davon sind, für B = 100% = 1 und A = 4,8,  4 000 000/4,8 = 8,3 - 105 verschiedene Zitate mit Bezug auf die 2,5 Mill. Aufsätze des Jahres 1980. Damit werden 33% zitiert. Dies ist der Selektionsfaktor innerhalb des ersten Jahres für naturwissenschaftliche Literatur. Würden sich 300 Zitate zufällig auf 100 Publikationen verteilen, so wären 95% davon zitiert. Bei 480 Zitaten wären es über 99%. Wir finden hier eine Parallele zu der Nutzung der neusten Zeitschriftenhefte.

Nach dem Science Citation Index enthielten die Fünfjahresakkumulationen

1965-1969 insgesamt 10 Mill. Zitate u.  6,5 Mill. versch.
1970-1974 insgesamt 13 Mill. Zitate u.  8   Mill. versch.
1975-1979 insgesamt 18 Mill. Zitate u. 11   Mill. versch.
Nach der Halbwertszeitfunktion beziehen sich 6,7 Mill. der verschiedenen Zitate in der letzten Akkumulation auf die Zeit vor 1975. Von diesen wurden 45% 1975 zitiert, die restlichen 55% der Akkumulation in den folgenden vier Jahren. Entsprechend gilt:
1965-1969: 39% 1965; 61% 1966-1969
1970-1974: 48% 1970; 52% 1971-1974
1975-1979: 45% 1975; 55% 1976-1979.
Wie bereits früher gezeigt (Umstätter, W. et al. (59)), mußten im Vergleich zur bereits zitierten Literatur bei den Publikationen des letzten Jahres viermal soviel Kopien gesichtet werden. Dieser Wert korrespondiert mit dem Selektionsfaktor. Da auch dieses Sichten annähernd mit einer sehr kurzen Halbwertszeit beschrieben werden konnte, lassen sich näherungsweise über die jeweils neu zitierte Literatur im SCI nach 1974, die sich auf die Jahre vor 1975 bezieht, folgende Prozentzahlen aufstellen:
1975 45% (42%)
1976 26% (24%)
1977 15% (14%)
1978  9% ( 8%)
1979  5% ( 5%)
Rest  7% ( 7%)
    107% (100%)
In absoluten Zahlen entspricht dies 7,2 Mill. verschiedenen Zitaten, die sich auf schätzungsweise 40 Mill. bis 1974 beziehen und damit etwa 18% ausmachen. Demnach wird im Science Citation Index ein Sechstel der gesamten naturwissenschaftlichen Literatur zitiert - wenn vermutlich auch die wichtigste.

Da wir nach Gomperts, M. C. (1968) (23) von einer konstanten Zitationsrate ausgehen können, besteht die Möglichkeit einer charakterisierenden Modellrechnung. Für ein idealisiertes naturwissenschaftliches Thema, ohne Modeerscheinungen, zu dem z. B. 1981 100 Arbeiten mit insgesamt 1200 Referenzen erschienen sind, ergäben sich bei einer Verdopplungsrate von 15 Jahren und einer Halbwertszeit im Zitierverhalten von 5 Jahren die folgenden den Werte (Tab. 5).

Tab. 5

Jahr  Veröffent-  Summe der   davon ver-   neu hinzuge-  Diffe-
      lichungen   Zitate      schiedene    kommene       renz
                              Zitate       Zitate
1981     100       1200
1980      95        155          32           32            -
1979      91        135          28           18           10
1978      87        118          25           11           14
1977      83        102          21            6           15
1976      79         89          19            4           15
1975      76         78          16            2           14
1974      72         68          14            1           13
1973      69         59          12            1           11
1972      66         51          11                        11
1971      63         45           9                         9
1970      60         39           8                         8
1969      57         34           7                         7
1968      54         29           6                         6
1967      52         26           5                         5
1966      50         22           5                         5
  .        .          .           .
  .        .          .           . 
  .        .          .           .
 
Summe:  1107                    241           75
Damit wurden 1981 241/1107 = 22% der gesamten Literatur zitiert. Im Laufe der Jahre dürften etwa 75/95 = 80% der Literatur durch Referenzen erfaßt sein.

Individuell betrachtet kann, wie wiederholt veröffentlicht, ein Zitat annähernd beliebig viele "Schicksale" haben (Avramescu, A. (1979) (2)). Auch Zeitschwellen (Dietze, J. et al. (1983) (15)) sind möglich und können u. a. durch technische, ideologische oder modische Barrieren entstehen. Die vorstehende Zahlentabelle macht deutlich, was Brookes, B. C. (1980) (5) mit einer kontinuierlichen Revision des Wissens meint. Wenn er allerdings behauptet, daß durch die wachsende Zahl der Wissenschaftler die Revision beschleunigt wird, so muß hinzugefügt werden, daß diese Zunahme schon notwendig ist, um das bereits erworbene Wissen zu verwalten. Hier setzt auch die Kritik von Line, M. B. (1980) (30) an, der, überspitzt ausgedrückt, darauf hinweist, daß ein 2 cm dicker Band von 1950, fünfmal pro Jahr genutzt, ebenso wichtig ist wie ein 4 cm dicker Band von 1960, der zehnmal dem Regal entnommen wird. Abgesehen davon, daß dies nur bei sehr grober Schätzung gelten kann, ändert es nichts an der Tatsache, daß, wenn eine Bibliothek zur Magazinierung ihrer Bestände gezwungen ist (aber auch nur dann), sie sicher mit dem ältesten Schrifttum beginnen wird. Der in etwa konstante Anteil an Zitaten, die sich auf "citation classics" beziehen, ergibt sich ja lediglich aus dem Wachstum des Wissens. Ein sinnvoller Kompromiß wäre die Ermittlung der wiederholt zitierten Publikationen nach etwa zehn oder mehr Jahren. Als Kopien oder Reprints stellen sie, insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs, eine große Arbeitserleichterung dar. An der Tatsache, daß solche Reprints vereinzelt auch heute schon an der Publikationsflut beteiligt sind, zeigt sich ebenfalls die permanente Revision der Wissenschaft, die das Sichten alter und neuer Quellen erfordert. Das sich gerade aus der Halbwertszeitfunktion ergebende Phänomen ist, daß statistisch gesehen eine Arbeit, wie M. M. Kessler und F. H. Heart 1962** feststellten und Line, M. B. (1974) (31) bestätigt, von Anfang an als wichtig erkannt wird oder es wahrscheinlich nie ist. Damit wird die Bedeutung des Sichtens neuster Publikationen, wie wir sie hier untersucht haben, klar und der sogenannte "Matthew Effect"*** relativiert.

Wieweit eine Veröffentlichung als Referenz positiv oder negativ bewertet wird, spielt bei unseren Untersuchungen keine Rolle, da sie in beiden Fällen befruchtend wirken kann. In diesem Zusammenhang sei noch einmal auf Artus, H. M. (1983) (1) hingewiesen, der, im Gegensatz zu uns, die qualitative Analyse berücksichtigt - ein Thema, das sicherlich die hier gemachten Aussagen erweitern, vertiefen und verständlich machen könnte, das aber wegen seiner Komplexität von uns weder angegangen werden konnte noch sollte und dessen bisherige Untersuchungsergebnisse vom Autor selbst mit Recht unter Vorbehalt gesehen werden.

Nach Price, D. J. de Solla (1965) (42) nimmt die Zahl der Zitate pro Publikation, in Anlehnung an "Lotka's Gesetz", im Verhältnis 1/n2,5 bis 1/n3 ab. Berücksichtigen wir auch hier (nicht wie Price den SCI von 1965) die Hochrechnung auf die gesamte naturwissenschaftliche Literatur, so ergibt sich etwa ein Exponent von n -1,7 . Daraus folgt:

16% der Aufsätze in einem Jahr werden lmal zitiert
 5% der Aufsätze in einem Jahr werden 2mal zitiert
 2% der Aufsätze in einem Jahr werden 3mal zitiert
 1% der Aufsätze in einem Jahr werden 5mal zitiert
  .
  .
  .
und 67% bleiben zunächst ohne Zitierung. 55% der Zitate beschränken sich auf 10% der Publikationen, die zitiert werden (Abb. 4).

Abb. 4: Abnahme der Zitierhäufigkeit von Publikationen.

____ Angaben nach Price (1965) für den SCI 1961.

_ _ _ Abschätzung für die gesamte naturwissenschaftlich-technische (Science) Literatur.

N = Zahl der Zitate pro Publikation.

Wir erkennen daraus, daß der Konzentrationseffekt bzw. der Selektionsgrad im Science Citation Index stärker hervortritt als in der Gesamtliteratur, da der SCI eine Stichprobe darstellt, und er darüber hinaus gezielt Kernzeitschriften berücksichtigt. Es gibt heute mehrere Theorien zur Erklärung der Ausbreitung bzw. des Wachstums an Wissen:

1. Das Infektionsmodell (Goffman, W. (1966) (22)), das die Ausbreitung eines neuen Forschungsgebietes epidemiologisch zu beschreiben versucht. Dabei wird nach einer mehr oder minder langen Lag-Phase ein Durchbruch erzielt, der zu einer logarithmischen Phase führt, um nach einer Klimax wieder abzuklingen.

2. Das Diffusionsmodell, das nach Avramescu, A. (1975) (3) den Zusammenhang zum Bradford's Law of Scattering herstellt. Die Diffusion von Information ist nach Landau, H. B. (1982) (28) auch auf die technische Nutzung wissenschaftlicher Inhalte anwendbar.

3. Das Darwinistische Modell, das durch den Max Planck zugeschriebenen Satz charakterisiert ist: "Theorien werden nicht widerlegt, sie sterben aus". Man könnte auch von einem "struggle for life" der Paradigmen sprechen oder von der Kuhn'schen Theorie (Kuhn, T. S. (1973) (27)). In diesem Zusammenhang sind auch die "Meme" zu nennen (Sen, S. K. (1981) (50)), die nach Dawkins, R. (1982) (12) "as a unit of information residing in a brain" verstanden werden sollten. Dawkins betrachtet die Gene als die Einheit der Selektion und bezeichnet sie daher als "selfish". Er nimmt für sich in Anspruch, den Begriff "Meme", als eine Art Replikator, vergleichbar den Genen, 1976 begründet zu haben. Obwohl er von einer "unit of cultural inheritance" spricht, bleibt die Frage offen, wodurch diese "Einheit" gekennzeichnet ist. Außerdem räumt er ein, daß signifikante Unterschiede zwischen der Selektion der Meme und der Gene bestehen. Sie sind weder auf Chromosomen linear angeordnet noch haben sie identifizierbare "Allele". Sowohl Gene als auch Meme können für sich rekombiniert und als Vehikel der Information in der Zeit weiter transportiert werden. Selektiert werden sie jedoch immer in der Gesamtheit eines Organismus bzw. einer Theorie. Das Darwinistische Modell ist bei Popper, K. R. (1981) (37) und in der Erkenntnistheorie Rupert Riedls (1982) (45) , von eminenter Bedeutung geworden. Nach Popper ist auf die Analogie bei der Selektion und Modifikation wissenschaftlicher Theorien schon bei Niels Kai Jerne**** in den fünfziger und sechziger Jahren hingewiesen worden, der sich in diesem Zusammenhang auf Kierkegaard und Sokrates bezieht.

Meme werden von den "invisible colleges" (Price, D. J. de Solla, Beaver, D. deB. (1966) (39)) nur akzeptiert, wenn sie im Kontext des gemeinschaftlich geistigen Modells ihren Platz finden. Meme zeigen die typischen Eigenschaften des Neodarwinismus:

a) Sie können mutieren, d. h. von verschiedenen Wissenschaftlern unterschiedlich interpretiert         bzw. definiert werden.

b) Sie zeigen die Eigenschaften der Rekombination, d. h. sie müssen ihren Platz in den                     verschiedenen Theorien behaupten.

c) Sie sind je nach Populationsgröße selektierbar. Dabei gibt es Meme, die allgemein anerkannt       sind und solche, die endemisch von Minderheiten erhalten werden.

Dies sind im Prinzip auch die Elemente, die in der Rechenberg'schen Evolutionsstrategie (Rechenberg, I. (1973) (43)) enthalten sind. So betrachtet stellen Publikationen durchaus geistige "Chromosomen" dar, die zu einer Optimierungsstrategie der Wissenschaft beitragen. In diesem Sinne läßt sich auch S. D. Neill (1982) (36) verstehen, wo für die "Library and Information Science" die Bedeutung Poppers Welt 3 als Produkt der Gedanken erkannt wird und in Anlehnung Sir John Eccles: "World 3 is essentially a world of storage".

Die Informationsflut erweist sich als eine geistige Überbevölkerung. So wie die einzelnen biologischen Arten ihre Genepools haben, so besitzen auch die Spezialgebiete der Wissenschaft ihre eigenen "Memepools", die sich evolutionär fortentwickeln - erkennbar an den Termini Technici.

In der Evolutionsstrategie ist ein wesentliches Element der Biologie bisher vernachlässigt worden: die biogenetische Grundregel Ernst Haeckels. Sie besagt, daß die Individuen in ihrer Ontogenese, d. h. in ihrer Individualentwicklung, in verkürzter Form die Phylogenese, d. h. die Entwicklung des Stammes in der Evolution, repetieren. Interessanterweise geschieht dies auch im geistigen Bereich. Auch der Mensch muß das Wissen seiner Vorfahren neu erlernen. Dabei setzt er nicht nur die geistig ererbten Meme neu zusammen, er entwickelt sie auch schrittweise zu einer eigenen - möglicherweise neuen - Theorie. Dieser Mechanismus einer"Biogenetischen Evolutionsstrategie" (BES) ist von fundamentaler Bedeutung, da er Lamarckistische Elemente verständlich macht, die bisher als antidarwinistisch verstanden wurden. Hier soll in keiner Weise dem Triviallamarckismus Vorschub geleistet werden, nach dem die Giraffe einen langen Hals entwickelt, um hohe Bäume zu erreichen. Auch von Kräften, "von denen wir noch kaum eine Ahnung haben" (Taylor, G. R. (1983) (53)), soll hier nicht die Rede sein. Vielmehr zeigt die BES, daß Neigungsstrukturen im Popper'schen Sinne, die man im biologischen und besonders im geistigen Bereich beobachtet hat, darwinistisch erklärbar sind. Die BES sammelt und speichert schrittweise Information, die sie bei entsprechenden Reizen abrufen kann. Die Analogie zu archivarischen, bibliothekarischen und dokumentarischen Aufgaben liegt vom Standpunkt der Informationsgewinnung auf der Hand.

Das klassisch Darwinistische Prinzip beruht auf Versuch und Irrtum. Die Rechenberg'sche Evolutionsstrategie interpretiert hierzu noch die Rekombination der Gene, und die BES organisiert die gesammelte Information aus der Entwicklung heraus. Auf diese Weise können Regelhaftigkeiten der physischen Welt schrittweise (epigenetisch) erfahren und gespeichert werden. Der Wissenschaftler rekombiniert also Meme seiner Lehrer (aus "visible" oder"invisible colleges") phänotypisch in einem "Inneren Modell", einem geistigen Organismus, so wie biologische Organismen genetische "Innere Modelle" der Welt, in der sie leben, evolutionär erzeugt haben. Wir rekonstruieren in jeder Generation schrittweise das Wissen unserer Vorfahren, soweit es uns noch erreicht und betrifft.

Entscheidend ist, daß jedes Mem extrapolierbare Eigenschaften für seine Theorie hat. Wenn wir also die Verdopplungsrate in der Literatur als ein Mem betrachten, das wir hier weitervererben, weil es uns noch am besten erlaubt, die Realität zu simulieren, so hat dies Konsequenzen für die wissenschaftliche Gesellschaft, für die Halbwertszeit, für die Bibliotheken usw.. Dieses Mein beeinflußte bzw. falsifizierte andere existierende Meme (nicht ohne deren Widerstand bzw. "selfishness"), und es brachte uns einen Fortschritt in der BES, der uns zu weiteren Entwicklungsschritten und Adaptionen zwingt.

Stephanie Ehrlich (1979) (18) schreibt: "It seems preferable to define memory as a set of potential organizations, that is, possible and optional; or, to be more precise, as a system capable of generating organized structures." Auch Meme haben, trotz ihrer sequentiellen Darstellung in der Schrift einer Publikation, geistig organisierte Strukturen, die anfangs in schwer verständlichen Aufsätzen beschrieben und umschrieben werden, später nur durch einen oder mehrere Sätze erfaßt und schließlich bei allgemeiner Akzeptanz meist bloß noch durch ein Wort definiert sind.

Brookes betrachtet Wissen als eine Struktur von Konzepten, verbunden durch ihre Relationen, und Informationen als einen engen Bereich einer solchen Struktur. Er hält es für möglich, ein Netzwerk von Konzepten zu konstruieren, das durch Relationen verknüpft ist. Die Dokumentationssysteme von morgen sollten also Meme assoziieren und in beliebige Relationen setzen. Auch hier haben wir eine Parallele zur Biologie. Durch Gene werden nicht, wie oft leichthin gesagt, blaue Augen oder rote Haare vererbt, sondern über die Enzyme Relationen, die z. B. bestimmte Pigmente in ihrer Konzentration festlegen. Auch in den heutigen Dokumentationssystemen erzeugen wir Assoziationen zwischen bestimmten Publikationen. Der Indexer schafft nicht näher definierte Relationen zwischen Teilelementen aller Veröffentlichungen, die er mit einem Begriff charakterisiert. Unter diesem Aspekt wäre es von Vorteil, Meme als Grundeinheiten identifizieren zu können und ihre Beziehungen zueinander näher zu definieren. Computer bieten hierzu sicher eine verbesserte Voraussetzung. Damit entstehen innere Modelle, die weiterhin in ihrer Gesamtheit akzeptiert oder eliminiert werden müssen. Außerdem dürfte es notwendig sein, daß sie in ihrer Komplexität mehrfach nebeneinander konkurrieren.

In Zukunft wird sicher ein Teil der Wissenschaftler z. B. an Mikrocomputern eigene Dokumentationen wie Publikationen erarbeiten, über Netzwerke anderen anbieten und übermitteln und in einer Art von elektronischem Forum diskutieren. Wichtig an dieser Überlegung scheint, daß sich die frühere Hoffnung auf ein "World Brain" im Sinne von Herbert George Wells oder einer WISE (World Information Synthesis and Encyclopedia) (Kochen, M. (1975) (26)) nicht erfüllt. Wahrscheinlich ist mit einer Differenzierung vieler kleinerer Systeme und Subsysteme in ihrem struggle for life zu rechnen.

Während die großen weltweiten Dokumentationssysteme eine hohe Bedeutung haben, sollte man die wachsende Konkurrenz der Mikrocomputer gerade unter diesem Aspekt sehen.

Sowohl automatisches Indexing als auch Volltextretrieval einerseits und Simulationen mit Faktenbanken andererseits sind mit überschaubaren Größenordnungen leichter verwendbar und selektierbar. Die Erfahrung an Online-Informationssystemen zeigt, daß Datenbanken mit begrenzten Themen bereits eine Art Verknüpfung von Begriffen beinhalten, die das Recherchieren erheblich erleichtert. So muß man in medizinischen Datenbanken z. B. manchmal erst onkologische Teildatenbanken erzeugen, um bestimmte Termini sinnvoll zu suchen. Der Begriff Evolution, in einer Datenbank der Mathematik gesucht, bringt Ergebnisse, die von einer umfassenden biologischen Datenbank kaum erwartet werden können.

Würde man jedoch für ein solches Spezialgebiet einen eigenen File erstellen, so würde im weltweiten Informationsnetz eine sehr hohe Redundanz entstehen, so wie wir es auch in der anscheinend verschwenderischen Natur finden. Ein radikaler Selektionsmechanismus wird damit notwendig.

Berücksichtigt man das Wachstum des Science Citation Index und verfolgt die Häufigkeit, mit der Autoren wie Plato, Maxwell u. a. zitiert werden, so stellt man fest, daß sie in den letzten zwanzig Jahren eine etwa konstante Zitationsrate aufweisen. Dabei sind allerdings Fehler beim Zitieren, unterschiedliche Schreibweisen und Abkürzungen sowie Neuauflagen, Reprints und Auszüge erhebliche Störquellen. Diese Beobachtung entspricht auch dem "Law of constant citation for scientific literature" von Gomperts, M. C. (1968) (23) auf dem Gebiet der Chladni'schen Klangfiguren. Die wachsende Zahl an Wissenschaftlern, die zu einer wachsenden Zahl an Veröffentlichungen führt, verwaltet damit sowohl das klassische Wissen als auch das neu hinzukommende in ausgewogenem Verhältnis. Die Produktion eines Autors liegt konstant bei einem Aufsatz pro Jahr, wobei die durchschnittliche Zahl der Autoren pro Veröffentlichung der in direkt proportional der finanziellen Förderung ist (Price, D. J. de Solla (1981) (41)).

Vergleicht man die Zahl der Publikationen pro Autor mit dem Eigenanteil, so ist die Vermutung, daß Wissenschaftler mit hohem Publikationsaufkommen sich vorwiegend auf Fremdleistungen stützen, nicht nachweisbar (Abb. 5).

Abb. 5: Eigenanteil der Autoren an ihren Publikationen in Abhängigkeit der Veröffentlichungen insgesamt.

AE = Eigenanteil, AI = Aufsätze insgesamt, an denen der jeweilige Autor beteiligt war.

Untersucht wurden Arbeitsgruppen der Universität Ulm von 1969 bis 1978. Damit ergibt sich also, unabhängig von der wissenschaftlichen Bonität, ein Durchschnitt von 2,33 Autoren pro Aufsatz. Die entsprechenden Durchschnittsangaben für den SCI betragen 1979 2,50 und 1980 2,56. Es mag sein, daß unsere Ergebnisse lediglich für eine Universität gelten, da hier ein angehender Wissenschaftler zunächst meist nur mit seinem Hochschullehrer veröffentlicht und dieser um so mehr publiziert, je größer seine Abteilung ist. Abteilungsleiter treten dabei häufig als Einzelautoren auf, indem sie Übersichtsartikel verfassen, wodurch sie die Gesamtmenge dessen einschränken, was nachfolgende Wissenschaftler lesen müssen.

Von dieser Warte aus ist auch die sogenannte Ortega Hypothese (nach José Ortega y Gasset) zu verstehen, die davon ausgeht, daß der durchschnittliche Wissenschaftler mit seiner Arbeit kleine Beiträge leistet, und daß einige wenige Große auf dieser Pyramide begrenzter Entdeckungen aufbauen. Cole, J. R. und Cole, S. (1972) (8) haben dagegen versucht zu zeigen, daß nur wenige Wissenschaftler zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen und daß diese "auf den Schultern von Giganten" stehen (Isaac Newton, 1676*****).

Auch hier gibt es eine interessante Parallele zur Evolutionstheorie. Während Darwin die Ansicht vertrat, daß nur durch graduelle Veränderungen eine immer stärkere Differenzierung der Arten entstand, wurde wiederholt die Vermutung ausgesprochen, daß die fehlenden Bindeglieder in den Entwicklungsreihen durch Sprünge (Punctuationism, s. Taylor, G. R. (1983) (53), S. 16f.)) erfolgt sein müssen. Auf die Wissenschaft übertragen bedeutet dies: Schreitet die Wissenschaft durch einen stetigen Erkenntniszuwachs fort oder durch die Genialität lediglich einiger weniger Wissenschaftler? So ist Price der Ansicht, daß nur 6 bis 8% der Bevölkerung überhaupt in der Lage sind, Wissenschaftler zu werden und nur weniger als ein Tausendstel Hervorragendes zu leisten vermag (Price, D. J. de Solla (1974) (40)). Je nach der Definition dessen, was hervorragend genannt wird, dürften sich allerdings diese Werte fast beliebig verschieben lassen.

Nach der BES, die als Optimierungsstrategie eine Gradualität zunächst voraussetzt, scheint die Ortega Hypothese realistischer zu sein. Dadurch, daß aber die BES extrapolierbare Eigenschaften hat, können jedoch kleine Mutationen in einer Theorie zu einem Paradigmenwechsel und damit zu einer wissenschaftlichen Revolution führen. Entdecker solcher, möglicherweise nur geringfügig veränderter Meme werden oft über einige Zeit scheinbar ignoriert, bis sich herausstellt, daß Theorien, die solche Meme enthalten, existenzfähig sind. Nach einer solchen Lag-Phase, vergleichbar der epidemiologischen Hypothese, setzt dann meist ein starkes Zitierverhalten ein.

Aufgrund dieser Theorie sollte man zunächst vermuten, daß die Häufigkeit, mit der eine Publikation zitiert wird, zunimmt. Dies trifft, wie die Halbwertszeitfunktionen zeigen, nur in Ausnahmefällen zu. Der Grund hierfür liegt darin, daß die meisten genialen Entdeckungen lediglich als solche hervortreten, wenn es genügend Mitstreiter gibt, welche die entsprechenden Meme erkennen und weiter vererben. Dafür spricht auch Mertons Untersuchung über die Mehrfachentdeckungen (Merton, R. K. (1961) (35)). Erst aus historischen Gründen werden dann manchmal längst vergessene bzw. ignorierte Arbeiten nachträglich zitiert. Ein sprechendes Beispiel hierfür ist Gregor Mendel, dessen Arbeit von Nägeli in Zweifel gezogen worden war und erst 34 Jahre später von Correns, Tschermak und de Vries unabhängig neu entdeckt und dann auch zitiert wurde. Meme können nur inkorporiert werden, wenn es die bestehenden Theorien zulassen.

Die Sichtung der Weltliteratur durch die begrenzte Zahl an Wissenschaftlern ist der wichtigste Selektionsmechanismus und befindet sich permanent an der Grenze der Kapazität. Merton, R. K. (1968) (34) berichtet hinsichtlich des Matthew Effect's von Studien, die zeigen, daß weniger als 1 % der Aufsätze von Chemikern bzw. Psychologen auf ihrem Gebiet jemals gelesen werden.

Bei einer Beschränkung der Wissenschaftler auf die regelmäßige Durchsicht von 20 Spezialzeitschriften ihrer Fachgebiete, mit den zusätzlich genutzten gemeinsamen Kernzeitschriften, kämen wir bei etwa 40000 Publikationsorganen auf 40000/20 = 2000 Fachgebiete in Naturwissenschaft und Technik. Darüber hinaus dürfte dem Bradford's Law of Scattering folgend noch eine Reihe von Journalen sporadisch von Interesse sein, die durch Hinweise von Kollegen, durch Dokumentationssysteme, durch Zitate oder auch durch Zufall gefunden werden.

Geht man davon aus, daß auch in Zukunft das vorhandene Wissen verwaltet und das neu hinzukommende purifiziert werden muß, so ist dies zunächst nur, mit einem wachsenden Potential an Wissenschaftlern durchführbar. Da aber das exponentielle Wachstum nicht ad infinitum fortsetzbar ist, müssen die neuen Speichermedien, wie Computer, optische Platte (Thuss, J. (1983) (54)), Bildplatte u. a. in Verbindung mit den Electronic Information Exchange Systems (EIES) helfen. Es ist ebenso unwahrscheinlich, mit herkömmlichen Methoden - bei Reduktion der Zahl an Wissenschaftlern bzw. ihrer Publikationen - den Fortschritt annähernd erhalten zu können, als auch zu hoffen, daß sich die Probleme unserer Zeit ohne Informationszunahme erledigen lassen. Der Informationsmarkt zeigt heute alles andere als ein Nullwachstum. Die International Data Corporation, Franingham, Massachusetts, sagt vorher, daß 1986 weltweit 20 Mill. Personal Computers aufgestellt sein werden. Dies bedeutet ein Wachstum von 58% pro Jahr seit 1982 und eine Beschleunigung, die nicht ohne Scherspannungen in der menschlichen Gesellschaft bleiben können. Wir befinden uns heute in einer kritischen Phase des "anakolutischen Informationsdilemmas" - des "Ich weiß, daß ich nichts weiß" - bei gleichzeitig unübersehbarer Informationsflut, im Sinne einer Katastrophentheorie von Rene Thom. Während die Entstehung neuer Informationen noch immer exponentiell wächst, kann die Zahl der Wissenschaftler durch die sogenannten "Intelligenzverstärker" (Simon, H. A. (1982) (52)) logistisch einem Maximum entgenstreben.

Der immer stärker werdende Ruf nach einer verbesserten Selektion der wichtigsten Informationen aus dem Überangebot heraus brachte Bibliotheken zu den Halbwertszeitfunktionen, zwang Herausgeber, kritisch zu prüfen, welche Bücher und Zeitschriften auf dem finanziell überforderten Markt angeboten werden konnten und förderte die modernen Retrievaltechniken.

Die Optimierung der hier untersuchten Mechanismen, als einer Art "geistiger Genetik", dürften für die neuen Medien von besonderer Bedeutung sein. Die wiederholte Frage nach einem "elektronischen Papierkorb" eröffnet die Gefahr eines erheblichen Informationsverlustes. Archivare, Bibliothekare, Dokumentare, Herausgeber und nicht zuletzt die Wissenschaftler selbst könnten, der Genetik vergleichbar, in einer "Memetik" versuchen, die wissenschaftliche Evolution an die neuen Medien anzupassen. Wie in der biologischen Evolution sollte das in der BES erworbene Wissen weitergegeben und an die veränderten Bedingungen angepaßt werden.

Entscheidend ist, daß die permanente Revision des gesamten Wissens mit dem Zuwachs an neuem Wissen in ein optimales Verhältnis gebracht wird. Es ist aus der Genetik bekannt, daß eine zu hohe Mutationsrate, ebenso wie eine zu geringe, die Evolution in Frage stellt. In übertragenem Sinne bedeutet dies eine Anpassung der Publikationen pro Jahr an das gesamte Publikationswesen der Vergangenheit unter Berücksichtigung dessen, wieviel Innovationen bzw. Veränderungen diese neuen Veröffentlichungen enthalten.

Durch die neuen Medien bzw. das Online publishing sind hier verheerende Veränderungen denkbar. Wie wir aus der Zitationsanalyse erkennen, hat sich in der Vergangenheit ein Gleichgewicht - vermutlich sogar ein Optimum - eingestellt, dessen Untersuchung uns hier hilfreich sein könnte.

Die Idee des Darwinistischen Modells und seiner Anwendung auf die Informationswissenschaft (Information Science) ist nicht neu. Sie wurde von Diana Crane (1972) (9) vertreten, die auf Toulmin (1963)******und Holton (1962)****** verweist. Von ihr stammt auch schon die Vorstellung einer "cross-fertilization".

Schon Diemer, A. (1971) (14) führte den Term "Informem" als eine in kontextuellen Zusammenhängen stehende Menge ein, welche die dokumentarische Einheit ergibt. Im Gegensatz zu dem hier betrachteten Mem fehlte damals noch die Analogie zum Gen.

Dokumentationen, als Sammlungen von Memen verstanden, können ebenso wie Organismen optimale Größen hinsichtlich ihrer Selektionseinheiten haben. Diese Optima zu finden, ist eine Frage der jeweiligen Entwicklungszeit, der Reproduktion und der enthaltenen Information.

Die hier geäußerten Gedanken sollen nicht dazu verleiten, unkritisch Theorien aus der Genetik und den Evolutionsstrategien auf die Informationswissenschaft zu übertragen. Es wird aber die Ansicht vertreten, daß die Biogenetische Evolutionsstrategie auf die Theorien der Informationswissenschaft befruchtend wirken kann.

Heilprin, L. B. (1980) (24) spricht von einer "exploding ecology of informational organizations" und fordert die Untersuchung der Zusammenhänge, wie der Mensch Information erlangt, transformiert und nutzt. Die BES dürfte hier ein adäquater Weg sein. Ihr Mechanismus ist elementar, und sie ist die Voraussetzung dessen, was im menschlichen Geist auf höherer Ebene sich wiederholt.

Dawkins, R. (1976) (13) und Caws, P. (1969) (7) wiesen darauf hin, daß die kulturelle bzw. wissenschaftliche Evolution lamarckistisch ist, und daß das Mem als eine wissenschaftliehe ldee sich je nach ihrer Akzeptanz verbreitet. Insofern bezieht sich der Matthew Effect auch auf das jeweilige Mem und nicht unbedingt auf die Publikation, in der es erstmals auftritt. Dies ist die Konsequenz, die sich aus der Halbwertszeitfunktion zwangsläufig ergibt. Nicht eine bestimmte Publikation wird im allgemeinen zunehmend zitiert, sondern der bzw. die Autoren, die ein bestimmtes Mem verbreiten.

Die Akzeptanz geschieht zunächst bei den Editoren. Während z. B. Physical Review 1969 rund 80% der eingesandten Manuskripte aufnahm, lehnte BioScience 1975 etwa 41% (Lawani, S. M. (1977) (29)) ab. Nach Zuckerman und Merton werden 25% der eingeschickten Manuskripte in den USA abgelehnt, wobei der geistige Diebstahl durch die Referees eine Gefahr darstellt (Meadows, A. J. (1974) (33)). Mitte der sechziger Jahre betrugen die Kosten für Wissenschaft und Forschung pro Publikation etwa 20 000 $. Bei den "highstatus" Physikern brauchen nur 10% über 5 Monate, gegenüber 30% der "low-status" Autoren, bis zur Annahme ihrer Arbeiten. Sicherlich müssen unbekannte Autoren durch Qualität überzeugen, während beispielsweise Nobelpreisträger durch ihr Renommee bereits die Qualität garantieren. Lawani weist auf die Korrelation r = 0,67 von Qualität und Quantität hin, d. h. Autoren mit einer hohen Publikationsrate gelten meist als Lieferanten hoher Qualität. Ihre Arbeiten sind wachsend attraktiv im Zitationsverhalten und weisen hier eine Korrelation von 0,622 auf. Menard fand 1971 eine Chance von 1: 20, daß eine Person, die nur einen Aufsatz geschrieben hat, zitiert wird. Bei 10 Publikationen soll die Wahrscheinlichkeit 1: 2 und bei 20 Veröffentlichungen 9: 10 betragen haben (Meadows, A. J. (1974) (33)).

Während Eccles, J. C. (1975) (17) auf die Gefahr der ungeheuren Zahl irreführender Arbeiten hinweist (die einer zu hohen Mutationsrate, z. B. durch Strahlenschäden entspricht), sollte nicht vergessen werden, daß die Ablehnung wissenschaftlicher Spitzenleistungen wie im Fall Mendels, aber auch in neuerer Zeit bei der nobelpreiswürdigen Arbeit zum Radioimmunoassay, kaum für eine zu leichtfertige Publikation spricht. Es muß zu denken geben, wenn für so bedeutsame Leistungen kein Platz in unserer gedruckten bzw. elektronisch verfügbaren Literatur gefunden werden kann. Die Optimierung dieser Verhältnisse verschiebt sich seit kurzem durch den teilweisen Medienwechsel.

Nach Ansicht Norbert Wieners (1964) (62) ist "Der Gedanke, daß Information in einer sich ändernden Welt ohne merkbare Minderung ihres Wertes gestapelt werden kann,... falsch". "Information und Entropie bleiben nicht unverändert und sind gleichermaßen ungeeignet, Ware zu sein." Sie sind im Sinne Ludwig von Bertalanffys in einem "offenen System" involviert. Das "Fließgleichgewicht" im Rückopplungsmechanismus der Wissenschaft ist, bei zu abrupter Veränderung und bei Unkenntnis der Zusammenhänge, gefährdet.

Nach von Bertalanffy kann die von ihm begründete allgemeine Systemtheorie als Werkzeug dazu dienen, zwischen Analogien und Homologien zu unterscheiden. "Logical homologies result from general system characters, and this is the reason why structurally similar principles appear in different fields, and so give rise to parallel evolution in different sciences." (Bertalanffy, L. von (1960) (4)).

Wir haben es also mit einer systemtheoretischen Parallele zwischen der biologischen und der wissenschaftlichen Evolution, die beide Informationen sammeln, ordnen und speichern, zu tun.

Wenn Norbert Wiener sagt, daß Information weder Energie noch Materie ist, und sie auch sicher nicht mit Kraft oder Masse gleichgesetzt werden darf, so könnte sie trotz dem eine Beschleunigung hervorrufen - so wie es Katalysatoren in der chemischen Technologie, Enzyme in Lebewesen, Gleitmittel in der Mechanik und Flipflop-Schaltungen in der Elektronik tun. Informationen, ebenso wie Enzyme, katalysieren Entwicklungen, setzen vorhandene Kräfte frei, erzeugen in "Hyperzyklen" neue Enzyme bzw. Informationen und verwandeln unstrukturierte Massen in Formationen.

Der Geist als ein strukturierendes Agens (Caws, P. (1969) (7)) kann nicht gegen die Naturgesetze verstoßen. Die Beschleunigung in jeder nur möglichen Richtung wird weiterhin von der Kraft und der Masse bestimmt. Aber ebenso wie die Evolution bei Millionen von Arten des Pflanzen- und Tierreichs unterschiedlichen Wegen (Chreoden) in der "epigenetischen Landschaft" (Waddington, C. H. (1957) (61)) folgen konnte, so vermögen Informationen z. B. in Publikationen Weichen zu stellen.

* Das Titelmaterial 1974 war zum Zeitpunkt der Bibliographieerstellung vermutlich noch nicht vollständig aufgearbeitet.

** Zitiert bei Line, M. B. (1974) (31).

*** Matthäus, 25, 29: "Denn wer da hat, dem wird gegeben werden..."

**** Zitiert bei Popper, K. R. (1981) (37).

***** Newton, Isaak: Letter to Robert Hooke, zitiert bei Caws, P. (1969) (7).

****** Zitiert bei Crane, D. (1972) (9)

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Last update: 1. June 1997 © by Walther Umstaetter