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Umstätter
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Hartwig Lohse hat in seiner zusätzlichen "Eigenschaft als Fachreferent der Medizin" im Frühjahr 1988 ein interessantes Thema angeschnitten (1), von dem ich meine, daß es hier noch etwas vertieft werden sollte.
Die Ermittlung des Grundbestandes medizinischer Zeitschriften hat schon eine gewisse Tradition, die wir bereits vor etwa acht Jahren zu nutzen suchten (2). Auch in der Arbeitsgemeinschaft für medizinisches Bibliothekswesen hatten Hausen und Horstmann bereits den Versuch unternommen, eine Mindestanforderungsliste nach dem amerikanischen Vorbild der Brandon-Liste für Deutschland zu erstellen.
Die von Lohse festgestellte frappierende Korrelation zwischen der Zeitschriftennutzung der ZBM Köln und der UB Bonn konnte für die Jahre vor 1980 auch für Ulm bestätigt werden. Allerdings ist damals nicht nur die Übereinstimmung der Zeitschriftentitel bestimmt worden, sondern der Korrelationskoeffizient r = 0,33 für die Übereinstimmung der Nutzungshäufigkeit zwischen der ZBM und der UB Ulm. Es liegt natürlich in der statistischen Problematik begründet, daß dieser scheinbar niedrige Wert zu einer so hohen, geradezu "frappierenden" Übereinstimmung bei den Titeln führt.
Auf die große Bedeutung angloamerikanischer Quellen in diesem Bereich, und damit auf die Dollarabhängigkeit, ist bei den dramatischen Preissteigerungen um 1980 näher hingewiesen worden (3).
Der zentrale Punkt Lohses ist daher gar nicht die mehr oder minder klare Frage, worin der Grundbestand medizinischer Zeitschriften besteht und wie man ihn bestimmen kann, als vielmehr, wieweit dieser reichen sollte bzw. ob, wie er selbst zitiert, "alles gesammelt werden" muß, da nach H. Kirchner über alles geforscht werden könne. Ein Zitat, mit dem sich das Mitteilungsblatt beispielsweise auch schon 1986 im Zusammenhang mit der Speicherbibliothek auseinandergesetzt hat (4).
Hier scheint mir wichtig zu sein, daß wir trotz der Diskussion über Speicherbibliotheken klar erkennen, daß Wissenschaftler sich permanent im Zwiespalt befinden, einerseits nicht genug zu lesen und andererseits zuviel Zeit mit dem Literaturstudium zu vergeuden, um an die benötigte Information zu gelangen. Mit anderen Worten: Bibliotheken haben aus der Sicht vieler Benutzer zu wenig und zu schlecht erschlossene Literatur. Sie haben aber ebenfalls aus der Sicht vieler Benutzer die Literatur meist nicht am rechten Ort - überspitzt gesagt, nicht im Arbeitszimmer des Nutzers selbst, der sich beklagt. Zahlreiche Diskussionen mit Wissenschaftlern haben, als Einsparungen notwendig wurden, dies im Rahmen der genannten Untersuchungen gezeigt. Dabei muß auf den Hintergrund einer Freihandbibliothek hingewiesen werden, die bei den meisten ihrer Leser eine nachweislich hohe Reputation genoß.
Bereits 1977 hat Meyer-Leibnitz (5) festgestellt, daß der Aufwand pro aktivem Forscher bei 200.000,- DM pro Jahr liegt. Wir müssen also von einem Aufkommen von 30,- bis 100,- DM pro Stunde (je nach Einbeziehung der Aktivitäten, die durch den Wissenschaftler bedingt werden), ausgehen. Auch bei Studenten kann man diesen Wert nicht weit darunter ansiedeln, da z.B. ein Medizinstudent sich durchaus darüber klar sein sollte, daß ein verlorenes Semester ein halbes Jahr weniger berufliche Einkünfte bedeutet.
Bradford's Law of Scattering sagt sehr deutlich, in welchem Verhältnis die Nutzung zentraler zu der peripherer Zeitschriften steht. Dieser bekannte und mehrfach nachvollzogene funktionale Zusammenhang zeigt damit auch klar, daß es keinen vernünftigenGrund für eine bestimmte Festlegung eines Grundbestandes gibt. Darüber hinaus macht die Funktion deutlich, wie hoch der Aufwand getrieben werden muß, um über eine jeweils vorgegebene Grundausstattung zusätzliche Information zu gewinnen. Demgegenüber sollte aber auch der Wettbewerbscharakter der Wissenschaftler nicht übersehen werden, der deutlich denjenigen bevorzugt, dem mehr Information zur Verfügung steht.
In scheinbarem Gegensatz zu Bradford's Law, von dem ausgehend man annehmen sollte, daß zunehmend periphere Periodika auch immer geringere Attraktionen aufweisen, gibt es Hinweise darauf, daß die Attraktion einer Bibliothek mit jedem Buch und jeder Zeitschrift direkt proportional, d.h. linear, ansteigt (6,7). Dies ist ein synergetischer Prozess, bei dem die Attraktion einer peripheren Zeitschrift auch die Nutzung weiterer vorhandener Informationsquellen fördert. Der Wissenschaftler wägt zwischen Zeitaufwand und wahrscheinlich zu erwartendem Nutzen ab. In diesem Zusammenhang ist besonders interessant, daß es Hinweise darauf gibt, daß die Attraktion einer Bibliothek direkt umgekehrt proportional zu ihrer Entfernung steht. Mit anderen Worten,1000 Bände in der 10 Meter entfernten Institutsbibliothek sind ebenso interessant wie die Million Bände in der 10 Kilometer entfernten UB. Dies macht verständlich, warum bis heute Institutsleiter so vehement um ihre Bibliotheken gekämpft haben und warum einschichtige Systeme fast nur in neu geplanten Universitäten mit kurzen Wegen eine Chance hatten. Es ist klar, daß wir dabei davon ausgehen müssen, daß diese Bibliotheken jeweils den Schwerpunkt beim Nutzerinteresse haben, und es ist auch klar, daß die UB mehrere Nutzerinteressen gleichzeitig abdeckt. Wir müssen also erkennen, daß die Institutsbibliothek mit 1000 Bänden für eine Nutzung in 10 Meter Entfernung ebenso geeignet ist, wie die UB mit vergleichsweise 1000 Nutzungen aus dem Umkreis von 10 Kilometern, vorausgesetzt, daß beide unter brauchbaren Bedingungen nutzbar sind, was wir bekanntlich nicht immer annehmen können.
Für einen Nutzer ist eine Zeitschrift im Magazin, hinsichtlich einer ungezielten Durchsicht derselben, so gut wie nicht vorhanden. Unter dem Aspekt einer gezielten Überprüfung eines Zitats ist die UB quasi doppelt so weit entfernt, wenn er sie zweimal aufsuchen muß.
Rechnet man auch nur eine Stunde für den Hin- und Rückweg zu einer UB, so entspricht dies etwa den Kosten eines durchschnittlichen Bandes. Damit kann es sich ein Wissenschaftler kaum leisten, für ein Buch in die UB zu gehen. Er tut es möglichst nur dann, wenn er sich ein Mehrfaches an Erfolg verspricht. Zieht man davon noch die Wahrscheinlichkeit ab, daß ein Buch nicht vorhanden, ausgeliehen, im Geschäftsgang oder im Magazin ist, so werden die oben erwähnten Beobachtungen einer hyperbolischen Abnahme der Benutzung mit zunehmender Entfernung verständlich. Die Überwindung einer Entfernung von 5 km erfordert nicht die halbe Zeit von 10 km sondern meist mehr. So kostet in vielen UB's die Suche nach dem Parkplatz mehr Zeit als die Anfahrt. Der Fußweg von und zu einer 2,5 km entfernten Bibliothek erfordert allerdings auch seine Stunde und Fahrräder weisen beim Buchtransport, insbesondere bei schlechter Witterung, ebenfalls gewisse Nachteile auf. Untersuchungen haben gezeigt, daß bekannte Zeitschriften nicht nur oft bestellt werden, ihre Anforderungen korrelieren auch stark mit dem allgemeinen Zitierverhalten, wie wir es im SCI Journal Citation Reports finden und mit der Freihandbenutzung(8). Der große Nutzen von Bibliotheken liegt daher im konzentrierten, frei verfügbaren Angebot möglichst aller Quellen, die zur wissenschaftlichen Arbeit notwendig sind. Je häufiger eine Quelle gebraucht wird, desto näher muß sie beim Benutzer sein. Insofern ist es verständlich, daß in den USA für den alltäglichen Gebrauch in den Krankenhäusern ein Minimum an Büchern und 100 Zeitschriften empfohlen wird, während das umfassende Informationsangebot von der zentralen UB zu übernehmen ist. Das Hauptaugenmerk der UB's sollte daher auf die sog. Logistik des Zeitschriftenangebotes gerichtet sein, die ein Minimum an Wegen zum Ziel hat. Da natürlich, wie Lohse richtig bemerkt, nicht alles gekauft werden kann - und gemeint ist unausweichlich alles an jedem Ort, denn ansonsten wird ja ohnehin alles mehr oder minder irgendwo gekauft - ist die eigentliche Frage: Was muß an welchen Ort? Dazu läßt sich als Faustregel festhalten, daß man in den USA eine Fernleihe auf etwa 20 Dollar schätzt und damit 5-10 Nutzungen pro Jahr als ein Minimum ansieht, bei dem die Fernleihe billiger als der Kauf einer Zeitschrift ist. Dabei wird aber in keiner Weise der Nutzen für den Wissenschaftler berücksichtigt. Quellen, die fast täglich benötigt werden, sollten sicher im Umkreis von wenigen Metern stehen. Solche, die eher wöchentlich oder monatlich zum Einsatz kommen, in maximal einigen wenigen Kilometern, und solche, die man etwa einmal pro Jahr braucht, können auch einige zehn Kilometer entfernt sein.
Wichtiger als die durchschnittliche Nutzungshäufigkeit ist jedoch die jeweils momentane Verfügbarkeit. So sollte ein Arzt zwischendurch in seinen kurzen Pausen in der Krankenhausbibliothek die neusten Zeitschriften sichten können.
Bei einem gezielten Literaturstudium, beispielsweise auch nach einer Online-Recherche, muß er mit einigen Stunden geistiger Arbeit rechnen. Hier wird eine Distanz von einigen Kilometern in absehbarer Zeit kaum reduzierbar sein. Nicht zugemutet werden kann dagegen, daß ein Wissenschaftler mehrere Tage hintereinander 50 oder mehr Kilometer zurücklegt, um seinem Literaturstudium nachzugehen. Dabei spielt allerdings die Entfernung nur die geringere Rolle. Vielmehr müßten solche Ereignisse wie Dienstreisen oder Tagungsaufenthalte behandelt werden, was allgemein auf Schwierigkeiten stößt. Die mangelnde Ansprechbarkeit, bei fehlendem direktem oder auch telefonischem Kontakt am Arbeitsplatz, bildet oft das Hauptproblem und damit die Notwendigkeit, entweder auf Fernleihbestellungen zurückzugreifen oder schlicht auf Informationen aus der Bibliothek zu verzichten.
Nach Angaben der King Research Inc. (9) sollen Forscher im Bereich der Life Sciences 180 Aufsätze pro Jahr lesen. Dies ist im Vergleich zu Mathematikern zwar etwa das Dreifache, dürfte aber nur ein geringer Bruchteil dessen sein, was die Forscher sichten, flüchtig auf Relevanz prüfen und als bereits bekannt verwerfen können.
Der große Fehler, der bei so vielen Diskussionen in diesem Bereich gemacht wird, ist, daß der naheliegende Gedanke einer Absprache bei der Erwerbung in einer Region der Frage der Logistik keine Rechnung trägt. Es ist völlig unzumutbar, fünf Bibliotheken aufzusuchen, um fünf Zeitschriften zu sichten. In der heutigen Verkehrslandschaft bedeutet dies bei Berücksichtigung der Öffnungszeiten und der Unabwägbarkeit eines Zeitschriftenumlaufes, daß man entweder Tage opfert oder ganz verzichtet. Immer wieder "erfreulich" ist auch die Tatsache, daß die zeitliche Verzögerung beim Indexieren bis hin zum Online-Zugriff meist gerade ausreicht, um einen Zeitschriftenband beim Buchbinder zu wissen, wenn man das Zitat braucht.
Es kann wohl kaum übersehen werden, wie viele Publikationen bestimmte Zitate nicht berücksichtigen, da der Aufwand, in ihren Besitz zu kommen, für das Interesse tödlich war. Dies gilt bereits in erheblichem Maße auch für den Nutzer, der bereits in der UB steht, und dem es eigentlich egal ist, ob der gewünschte Aufsatz im Magazin, im Auslagerungszustand oder in der nächsten Zentralbibliothek existiert. Entscheidend ist, daß der Katalog vor ihm nicht mehr ist als eine sehr unzulängliche Dokumentation, und daß er wissen will, wie oft er seine Anreise wiederholen muß.
Das große Problem bei der Bestimmung des Nutzens von Bibliotheken ist darin zu sehen, daß Nutzer, die einem niedrigen "satisfaction level" gegenüberstehen, dies fast ausschließlich dadurch kompensieren, daß sie auf andere Informationsquellen ausweichen. Das kann ein überflüssiger Tierversuch sein, ein weiterhin falsch behandelter Patient oder auch eine Zeitschrift, die man privat abonniert. In diesem Zusammenhang war es bei den Ulmer Abbestellungsaktionen interessant zu sehen, wieviele privat gehaltene Zeitschriften bei Abteilungsleitern standen, die sich völlig im klaren darüber waren, daß sie ein Vielfaches davon brauchten.So traf in den meisten Fällen die unumgängliche Abbestellung einer Spezialzeitschrift weniger den Spezialisten, als vielmehr all diejenigen, die in das Spezialgebiet erst eindringen wollten.
Die Realität lehrt, daß es weder wahrscheinlich ist, daß in absehbarer Zeit vermehrt Geld in die Bibliotheken fließt, noch daß Wissenschaftler bereit sein werden, auch nur Bruchteile dessen zu opfern, was UB's benötigen. Damit bestimmt sich zunächst der sog. Grundbestand an Zeitschriften eindeutig durch die äußerst willkürliche Größe des vorgegebenen Etats von selbst. Desweiteren haben Bibliotheken nur die eine Chance, rücksichtslos das zu kaufen, was an dem jeweils bestimmten Ort am stärksten gebraucht wird und darüber hinaus, möglichst zuverlässig Auskunft zu geben, wo weitergehendes Material erreichbar ist. Immerhin sollte man nicht verkennen, daß die National Library of Medicine seit vielen Jahren damit beschäftigt ist, rund dreitausend der wichtigsten medizinischen Periodika auszuwerten, von denen jeder weiß, daß mitnichten alle wichtigen deutschen Zeitschriften zur Auswertung kommen. Solange in der Bundesrepublik kein erkennbarer Zusammenhang zwischen den Erwerbungsetats der UB's und deren Studentenzahlen erkennbar ist, dürfte jede Diskussion über einen Grundbestand schwierig sein, auch im Bereich der Medizin, wo wir immerhin auf recht guten Erfahrungen aufbauen können.
Gleichgültig, ob ein Grundbestand 100, 368 oder 750 Zeitschriften beinhaltet, entscheidend ist ihre Zugänglichkeit und damit die Nutzbarkeit. So haben wir bereits 1982 (10) feststellen können, daß die Anforderung an Kopien sich verdoppelt, wenn Zeitschriften im Magazin stehen. Außerdem zeigte sich die hohe Bedeutung des sog. Screenings von Zeitschriften, das weder durch Dokumentation noch durch Erwerbungsabsprachen ersetzbar ist. Die Tatsache, daß durchschnittliche UB's der USA etwa doppelt soviel Bände nachweisen als es bundesdeutsche UB's tun und darüber hinaus durch OCLC einen höheren Komfort in der Fernleihe bieten, läßt die Vermutung zu, daß hier eine weitaus bessere Logistik vorliegt, was nicht unbedingt höhere Kosten im gleichen Maße bedeuten muß.
(1) Lohse, H.: Gibt es einen "Grundbestand" medizinischer
Zeitschriften?
MB NRW 38(2) 93-97 (1988)
(2) Umstätter, W. und Rehm, M.: Entscheidungshilfen
für Bibliotheken zum Kauf medizinischer Zeitschriften.
DFW 29(5) 123-125 (1981)
(3) Umstätter, W.; Rehm, M. und Tan-Engels, K.: Die
Preissteigerung von naturwissenschaftlichen Zeitschriften in den letzten
fünf Jahren.
DFW 29(3/4) 69-70 (1981)
(4) Lohse, H.: Die Speicherbibliothek als "Schlachtbank"
oder: Lassen wir unsere Bibliotheken "verkommen"?
MB NRW 36(3) 176-180 (1986)
(5) Meyer-Leibnitz, H.: Information und Gesellschaft: Die
Verantwortung des Wissenschaftlers gegenüber der
Öffentlichkeit.
in: Philipp, F.-H. Hrsg. Information und Gesellschaft - Bedingungen
wissenschaftlicher Publikation. S. 21 ff Wiss. Verl. Stuttgart (1977)
(6) Umstätter, W.; Rehm, M.: Bibliothek und
Evolution
Nachr. f. Dok. 35 (6) S.237-249 (1984)
(Aufsatz im Volltext)
(7) Umstätter, W.: Öffentliche Bibliotheken und ihre
Nutzung.
ABI-Technik 6 (1) S.1-12 (1986)
(8) Umstätter, W. und Rehm, M.: Über die
Zeitschriftenbenutzung in einer Freihandbibliothek.
DFW 30(1) 17-19 (1982)
(9) King, D.W.; McDonald; D.D. and Roderer, N.K.:
Scientific
Journals in the United States - Their Production, Use, and
Economics.
Hutchinson Ross Publ. Comp., Stroudsburg (1981)
(10) Umstätter, W.; Rehm, M.; Dorogi, Z.: Die
Halbwertszeit
in der naturwissenschaftlichen Literatur.
Nachr. f. Dok. 33 (2) S.50-52 (1982)