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Umstätter
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Es muß einmal gefragt werden, wer oder was für Projekte wie BenHur oder den Modellversuch Informationsvermittlung verantwortlich ist.
Nachdem, was sich bisher abzeichnet, können Projekte kaum stärker scheitern als diese. Es mag sein, daß hier einige Leute etwas daraus gelernt haben, daß einige daraus Nutzen ziehen konnten und daß einige nun wissen, wie man es nicht machen sollte, aber mei- nes Erachtens wäre es nun wirklich Zeit, auch daraus zu lernen, wie man es in absehbarer Zeit besser machen könnte und dazu wäre es grundsätzlich wichtig, herauszufinden, wie es zu diesen Projekten kam.
In der Bundesrepublik wird seit 1974 IuD-Politik bzw. Fachinformationspolitik mit der Feststellung betrieben, es nun besser zu machen als bisher, aber in Ermangelung brauchbarer Entscheidungskriterien macht man es lediglich anders. Zuerst möglichst kostenfrei, dann möglichst kostendeckend, erst mit den alterfahrenen, dann mit den jungdynamischen, immer wieder variationsreich, perfektionistisch und zu teuer, und nicht selten dort deutsch, wo es international sein sollte und international, wenn es deutsch sein sollte.
Es kann nicht darum gehen, schon wieder die Pferde zu wechseln. Im Gegenteil, was wir brauchen sind Experten, die jahrelange Erfahrungen mitbringen, mit neusten Informationen versehen werden und deren Eigeninteresse es ist, objektive Aussagen zu machen. Aber nach über zehn Jahren Online-Erfahrungen in Deutschland ein Projekt zu fördern, in dem Informationsvermittler 25 Recherchen pro Jahr für 60 000, - DM (allein an Fördermitteln) durchführen, scheint doch fragwürdig (OLBG-Info 1989).
Wenn dieses Projekt überhaupt eine Aussage hervorbringt, dann fragt man sich, ob es nicht eine ist, die uns auch noch völlig in die Irre führt. Online-Recherchen sollten unter dem Strich Kosten sparen und nicht verursachen. Sicher ist, daß für 60.000,- DM eine Person auch ein Jahr lang Handsuchen in einer Bibliothek durchführen könnte - und da ließe sich für 25 Themen einiges finden.
Übertreibt man, wenn man bei diesem Projekt von einem Fiasko spricht oder kennzeichnet es nicht vielmehr die Realität? Immerhin müssen dabei doch noch einige Nebenkosten für Projektplanung, -genehmigung und -begleitung entstanden sein. Man darf hoffen, daß die Folgekosten, d.h. mögliche Irreführungen dieses Modells zu berichtigen, nicht zu teuer werden. Es liegt in der Natur der Sache, daß einige der Beteiligten glauben werden, sinnvolle Ergebnisse erzielt zu haben.
An einer Reihe von Informationsvermittlungsstellen in der BRD werden seit Jahren tausende von Recherchen durchgeführt. Wer, wann, wie häufig solche Recherchen braucht, wurde untersucht. Klein- und Mittelstandsbetriebe waren unter den Anfragenden und dann kommt dieses Projekt mit den Hauptzielen, den Umfang der Nutzung von Fachinformation zu verbessern und den kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zur Fachinformation zu ermöglichen (Schmidt, R. 1988).
Das paßt ausgezeichnet zu der Aussage, daß die Gründe für die Enthaltsamkeit bundesdeutscher Unternehmen, Fachinformation aus Datenbanken zu nutzen, annähernd bekannt sind (Fischer, B. 1989), und es folgen eine Reihe von Nebensächlichkeiten wie "Komplexe Suchsprache und schwierige Handhabung des Retrievals" etc. Nur die Tatsache, daß amerikanische Datenbanken für deutsche Klein- und Mittelstandsbetriebe weitgehend unbrauchbar sind, wird ignoriert. Das manche Recherche unterbleibt, weil nach dem raschen Hinweis auf eine Information die Information selbst nur schwer oder zu teuer erreichbar ist, dürfte inzwischen ebenfalls geistiges Allgemeingut sein. Wäre es möglich, daß man hier die Falschen gefördert hat, und daß dadurch am Markt vorbei produziert wurde?
Wie schön ist es, wenn eine Untersuchung dem BMFT zeigt, daß die wichtigsten deutschen Zeitschriften in den amerikanischen Datenbanken Berücksichtigung finden, aber wenn kein Wort von der Priorität gesagt wird und wenn die Konsequenz die ist, daß die Aufsätze nur vereinzelt aufgenommen werden, daß sie mit großer Verspätung und geringer Indexierungstiefe suchbar werden. Ein wirklicher Onliner weiß das, weil er täglich mit diesem Problem konfrontiert wird.
Wie oft hat man Fragen von kleinen Firmen, die über Online-Zugriff nicht beantwortbar sind, bei deren Beantwortung die Bibliotheken durch unzureichenden Erwerbungsetat versagen und die meist unbeantwortet bleiben, weil das Geschwätz vom hohen Wert der Information nur dazu führt, daß diese zu teuer wird. Es ist zutiefst erschreckend, daß bis hinauf zu hohen Entscheidungsträgern der Wert einer Information mit dem Wert einer Nachricht, mit aller ihrer Redundanz und ihrem Noise verwechselt wird, und daß der Wert einer Information mit dem Aufwand, sie zu vermitteln, ebenso verwechselt wird. Als ob man beim Kauf eines Buches das geistige Eigentum an einem der Sätze erworben hätte. Und es wird immer wieder die katalytische Wirkung von Informatiom mit der materiellen Eigenschaft von Rohstoffen verwechselt. Diese unkritische Betrachtung muß natürlicherweise zu Fehleinschätzungen führen.
Doch zurück zur schwierigen Handhabung des Retrievals. Mit 16 (in Buchstaben sechzehn) verschiedenen Partnern wurde 1987 - den Flop der Common Command Language hatten wir schon hinter uns, die Nixdorf IuD-Station war auch schon in die ökologische RC-Partner Nische hineingedriftet und Kommunikationssoftware gab es in Mengen - BenHur aus der Taufe gehoben, als hätte man von Crosstalk-XVI auf der 9. OLBG-Tagung (Rieseberg 1987) noch nichts gehört. Nicht das BenHur und Crosstalk identisch wären, im Gegenteil, Ascii-Express, Crosstalk und entsprechende Billigversionen sind seit langem funktionierende Veteranen, nur sind bisher keine signifikanten Vorteile von BenHur abzusehen.
War es wirklich notwendig, 1988 eine Umfrage zu machen, um herauszufinden, daß im wesentlichen nur 5-6 Grundbefehle beim Retrieval genutzt werden? Was hat dieses grandiose Ergebnis eigentlich gekostet? Das bedeutet doch nur, daß diejenigen, die diese Untersuchung vornahmen, 1987 das entsprechende Fachwissen noch nicht hatten. Wer aber vergab dafür das Geld? Hatte möglicherweise die jahrelange Ungewißheit bei der GID hier ein Teil Schuld daran? War dieser Zustand nicht ebenso ein Flop bundesdeutscher Fachinformationspolitik? Darüber hinaus kam es zu der Verwechslung von Online, Informationswissenschaft und Informatik. Statt erfahrener Onliner meinte man wohl Leute aus dem DV-Bereich fragen zu müssen.
Die weitgehende Eingliederung der GID in die GMD erfordert viel Verständnis für die Entscheidungsträger der letzten Jahre. Auch wenn sie sich redlich bemüht haben, gibt es Anzeichen dafür, daß der Vorsprung der Amerikaner mit ihren CD-ROM-Angeboten, Hyper-Card und ihrem Integrated Academic Information Management System (IAIMS), um nur einig Punkte zu nennen, seit dem IuD-Programm eher größer geworden ist. Dies zu sehen ist sicher hilfreicher, als die Augen davor zu verschließen.
Fachinformation hat wenig mit Programmierung zu tun, aber umsomehr mit der Nutzung von einschlägiger Software und mit der Bewertung dieser. Ich kann es keinem Amerikaner verdenken, wenn er sich darüber freut, wie intensiv wir uns in Deutschland auf BTX konzentrieren. Wenn er höflich ist, wird er sogar seiner Bewunderung Ausdruck verleihen.
Ist es nicht erfreulich, daß man in BenHur den internationalen Standardisierungen des ISO/OSI-Modells Rechnung trägt? Nur fragt man sich, ob es nicht gerade das Ziel für die obersten Schichten von OSI ist, Entwicklungen wie BenHur weitgehend überflüssig zu machen. Andererseits dürften bei Erreichung eines solchen Standards die Entwicklungen im Grafikbereich weit über BenHur hinausgehen, so wie sich die Hosts schon immer bemüht haben, Spezialitäten anzubieten, die ihre Konkurrenz nicht vorweisen kann. Wir haben übrigens in der Fachinformation einschlägige Erfahrungen mit OSI. So warteten wir schon einmal jahrelang auf die X.25, die in etlichen RC-Partnern heute ungenutzt schlummert. Wer die Entwicklung von GRIPS/DIRS miterlebt hat, bis zu dem Zeitpunkt, als man sich entschloß, Messenger bei STN zu fördern, weiß, wie ein Prioritätenwechsel in der Fachinformationspolitk abläuft. Es mag sein, daß in der Bundesrepublik 1965 die Zahl der gut informierten Berater im Bereich Dokumentation gering war, möglicherweise hatte sie 1975 im IuD-Bereich auch noch nicht die kritische Masse erreicht, aber wäre es dann nicht sinnvoll gewesen, spätestens 1985 im Fachinformationsprogramm systematisch gute Berater aufzubauen. War es nicht ein wenig spät in den achtziger Jahren die Abhängigkeit von den Amerikanern zu bedauern, nachdem Weinberg 1963 sehr bildhaft und offen seine Absichten geäußert hatte? Kaum war ein Unternehmensberater eingearbeitet, kam auch schon der fliegende Wechsel.
Es scheint mir bisher zuviel Lehrgeld gezahlt worden zu sein. Geld, bei dem nicht selten die falsche Marschrichtung finanziert wurde und bei dem die Folgekosten bis heute erheblich sind. Man denke nur an die Diskussion um das Wertbewußtsein für Information. Wie teuer die Erzeugung von Information in der Milliarden verschlingenden Forschung und Wissenschaft ist, ist seit Jahren bekannt. Daß sich dieser Aufwand trotzdem lohnt, zeigt unser hoher Lebensstandard. Informationswiedergewinnung sollte aber immer billiger sein, als die ursprüngliche Informationsgewinnung. Aufgabe der Fachinformation ist es hier, weitestgehend zu rationalisieren, um die Kosten zu minimieren.
Die wirklich entscheidende Frage beim Wert der Information ist, wer dafür bezahlt. Deshalb ist es wichtig, daß der Staat erkennt, wo seine Aufgaben für die Gemeinschaft liegen, und daß der Einzelne seine eigenen Interessen finanziell wahrnimmt. Das wechselseitige Zuschieben des Schwarzen Peters in den letzten Jahren war wenig förderlich für die IuD- bzw. Fachinformation. Eine vernünftige Aufgabenverteilung darf nicht davon abhängig sein, ob die Staatskasse gefüllt ist oder nicht. Vielmehr muß die vernünftige Verteilung von Rechten und Pflichten darüber bestimmen, wer wieviel Geld verwaltet bzw. abgibt.
Um es vereinfacht zu sagen: Ein Staat der Fachkräfte benötigt, bezahlt dafür, ein Erwerbstätiger, der weiß, daß eine Zusatzqualifikation für 10.000,- DM auf Dauer 100.000,- DM einbringt, wird diese finanzieren. Geld ist kein Maß für den Wert einer Ware, sondern ein Maß für das Spannungsfeld zwischen Angebot und Nachfrage und damit einer der wichtigsten Korrelationsfaktoren in unserer Gesellschaft. Da aber Information oft sehr gut substituierbar ist, tut ein Staat gut daran, genau abzuwägen, wie er seine Informationslogistik betreibt. Nicht von ungefähr haben die Amerikaner in ihrem Paperwork Reduction Act (1980) mit dem Information Resource Manager einen wichtigen Schritt getan.
Computernetze und Bibliotheken, Fachleute und Lehrer sowie Verlage und Buchhändler sind strukturell aufeinander abzustimmen, indem man rechtliche und finanzielle Randbedingungen schafft, in denen jeder seinen eigenen Vorteil sucht und damit automatisch im Sinne des Gesamtsystems handelt. Daß dies schwierig ist, muß nicht näher ausgeführt werden, daß man aber bei den genannten Projekten nicht einmal Ansätze dazu erkennen kann, irritiert.
Fischer, B.: Benutzeroberfläche für Hosts
mit unterschiedlichen Retrievalsystemen (Projektbericht).
Mitteilung der Software-Ley GmbH (1989)
OLBG-INFO: Zwischenbilanz Modellversuch
Informationsvermittlung.
OLBG-INFO 3 (1/2) S.17-19 (1989)
Rieseberg, K.-E.: Eine Programmierung von
Online-Retrieval-Schnittstellen.
in: 9. Frühjahrstagung der Online-Benutzergruppe der DGD.
DGD-Schrift (OLBG-8) 5/87 Frankfurt/Main (1987)
Schmidt, R.: Informationsvermittlung im Zeichen des
Wissenstransfers. Thesen und Tendenzen im BMFT-Modellversuch
in: 10. Frühjahrstagung der Online-Benutzergruppe der DGD.
DGD-Schrift (OLBG-9) 1/88 Frankfurt/Main (1988)