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Published in: Bibliotheksdienst 24 (3) S.337-340 (1990)

Fünfundzwanzig Jahre Universitätsbibliothek Ulm

Margarete Rehm und Walther Umstätter

Es gibt keine andere Möglichkeit, als aus Erfahrung zu lernen und somit gehört verdrängte Rückbesinnung zu den großen Unterlassungssünden derer, die geschichtslos agieren wollen. Nun ist es allerdings auch ein beliebter Sport, Geschichte nach Gusto zu interpretieren, zumal wir auch nie wissen, zu welcher Entwicklung eine andere Entscheidung geführt hätte. Zum anderen empfiehlt es sich bei unangenehmen Erkenntnissen davon auszugehen, daß Situationen, vor denen wir heute stehen, nicht mit denen früherer Zeiten vergleichbar sind. Obwohl also die Identifikation von Kausalketten nicht ganz so einfach ist, wie sie oft scheint, ist sie meist die einzige Grundlage vernünftigen Handelns.

Wir haben heute ein Viertel Jahrhundert Datenverarbeitungserfahrungen in Bibliotheken hinter uns. Erfahrene Männer wie Harro Heim, Günther Pflug oder Joachim Stoltzenburg u.a. haben sich aus der Distanz ihrer Pensionierung heraus geäußert und so sollte hier nicht versäumt werden, einige Aspekte aus der Ulmer Erfahrung hinzuzufügen. Während Pflug die Projektförderung im Bibliotheksbereich kritisch hinterfragt (1) und auf die wachsende Diskrepanz zwischen Realität und technischer Möglichkeit hinweist, unterstreicht Heim die Schwerfälligkeit der Planungen, die u.a. durch die eingesetzten Projektbegleiter bedingt ist (2).

Man muß zu diesen Überlegungen anmerken, daß schon die langwierigen und z.T. überflüssigen Anträge für manche Projekte tödlich sind, da kreative Ideen nicht mehr modern, zukunftsweisend oder bahnbrechend sind, wenn sie von ganzen Gremien - umso größer, desto durchschnittlicher - abgesegnet werden müssen. Hier wird Verantwortung zunächst zentralisiert, und weil dies überaus belastend sein kann, wieder verteilt.

Polacsek war kein klassischer Bibliothekar. Er war vielmehr 1958 in die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart eingetreten und übernahm 1963 die Planung der neuen UB Ulm. So gelang es ihm, für manchen Bibliothekar unvorstellbar, alle laufenden Zeitschriften in Freihandaufstellung alphabetisch den Nutzern anzubieten. Damals hatte ein Universitätsrektor bei der Besetzung der Stelle des Leitenden Bibliotheksdirektors noch ein gewichtiges Wort mitzureden. Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob es gut oder schlecht ist, wenn der Innere Kreis von 20 oder 25 Personen das Althoffsche Bibliothekswesen zu erhalten versucht, wie Stoltzenburg meint (3). Sicher ist, daß die Wissenschaftler einen völlig anderen Anspruch stellen.

Wenn also Stoltzenburg bemerkt, daß das Thema Bibliothekspolitik" bisher völlig ausgeklammert" wurde, und daß der Innere Kreis vor allem im Bibliotheksausschuß der DFG, "monopolisiert" ist, so fragen wir uns, ob dies der Grund für die z.T. eklatanten Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte ist. Natürlich half diese Meinungsführerschaft mit, bestimmte Denkmuster zu etablieren und damit beispielsweise auch dazu, daß landeseinheitliche EDV-Konzepte wichtige Entwicklungen blockierten.

Die damit erzwungene Stagnation in der Entwicklung der UB Ulm, die Anfang der achtziger Jahre unerträglich wurde, sowohl in den personellen als auch in den baulichen Bereichen und insbesondere bei der Automatisierung, führte in der Universitätsspitze zu verständlicher Verstimmung, die sich allerdings aus Unkenntnis der realen Hintergründe in die völlig falsche Richtung entluden. Es gab genügend Belege dafür, daß die Bibliothek bis dahin ein hohes Ansehen bei ihren Nutzern hatte, und daß mancher Wissenschaftler, der fortzog, noch nach Jahren auf diese UB zurückgriff. Nun ist allerdings Bibliothekswissenschaft auch im Bibliothekswesen eher ein Stiefkind und selten ein brauchbares Instrumentarium, mit dem beispielsweise Bibliotheksdirektoren wirkungsvoll arbeiten können. In der Realität steht der Bibliotheksdirektor im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Notwendigkeit. Seine Aufgabe ist es, die Leistungen der Bibliothek zu optimieren, um den, in ihrer Macht nicht zu unterschätzenden, Nutzern, ein leistungsfähiges Arbeitsinstrument an die Hand zu geben. Auf der anderen Seite ist er verpflichtet, seine Mitarbeiter vor ungerechtfertigter Über- bzw. noch öfter Unterforderung zu schützen. Gerade das Verhindern von Motivation und Leistung führt bei Mitarbeitern oft zu Frustration. Zwei Arten von Führungsschwäche sind in Bibliotheken häufig zu erkennen.

A. Zu starkes Nachgeben den Nutzern gegenüber.

B. Zu starkes Nachgeben den Mitarbeitern gegenüber.

Am gefährlichsten dabei sind die Bibliotheken, deren Leistungsfähigkeit dadurch gemindert ist, daß sie den Einzelwünschen einflußreicher Professoren zu rasch Folge leisten, und daß damit reduzierte Leistungsfähigkeit der UB einhergeht. Dies ruiniert das Bibliothekswesen in zweifacher Form.

1. widerspricht es dem Grundgedanken der Bibliotheken, das vorhandene Wissen allgemein zugänglich zu machen,
2. reduziert es die Motivation der Mitarbeiter, die meist durch eine erhöhte Besoldung mit der Gießkanne auszugleichen versucht wird. Bibliotheken dieser Art kosten seit Jahren die Arbeitsplätze des Nachwuchses.

Das bundesdeutsche Bibliothekswesen ist international gesehen sicher nicht auffällig schlecht. Es könnte und müßte aber einen sehr viel höheren Status haben. Seine Automatisierung hinkt um über 10 Jahre den technischen Möglichkeiten hinterher. Seine Online-Katalogisierung basiert auf Vorstellungen der 60er Jahre und seine Ausbildung ist z.Z. kaum modernisierbar, da die Ausbildungsstellen der Bibliothekspolitik nicht vorauseilen können. Die UB Ulm hätte die Chance gehabt, zum Testfall modernen Bibliothekswesens zu werden. Ob es eine Rolle spielte, daß die Leitung in den Händen einer Frau lag, oder ob man nur der Utopie einer großen deutschen Vereinheitlichung des Bibliothekswesens verhaftet war, läßt sich kaum entscheiden. Tatsache ist nur, daß die Vorstellung, der Innere Kreis sei wirklich kompetent, entscheidungsfähig und mit ausreichender Autorität ausgerüstet, trügerisch ist. Was nicht meint, daß dort keine Autoritäten am Werk seien, oder daß eine Konzentration der großen Entscheidungen in der Bibliothekspolitik falsch wäre. Im Gegenteil, die Einrichtung der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände, zu deren Sprecher am 20.9.1989 Elmar Mittler gewählt wurde, zeigt den verstärkten Wunsch nach weniger Zersplitterung. Fraglicher ist allerdings die treibende Kraft dieser Vereinigung und wieweit sie einflußreich werden kann. Bedenkt man den Einfluß, den die Library Association in England auf die Modernisierung der Ausbildung in den letzten Jahren hatte, so sind Zweifel verständlich. Was uns fehlt, ist die Eigeninitiative der einzelnen UB's, die durch eine Berufsvereinigung entsprechend gewürdigt wird, und nicht eine Vereinheitlichung des Bibliothekswesens, die alle Aktivitäten lahm legt.

Eine Episode am Rande sei hier erwähnt: Als 1975 das DIMDI den Bibliotheken erstmals die kostenlose Nutzung seines Rechners anbot, war Ulm die einzige UB, die die Voraussetzungen aus eigener Kraft schaffte. Sie stellte einen Informationsvermittler (IVM) für diese Aufgabe und schuf damit erstmals die Bedingungen, damit eine IVS erfolgreich aktiv werden konnte. Nachdem sich dies herumsprach, war das Ergebnis ein unangemeldeter Besuch aus Stuttgart, der zu klären hatte, ob diese IVS notwendig war, und wenn überhaupt, warum sie nicht in Stuttgart etabliert sei. Es war ein glücklicher Zufall, daß zu diesem Zeitpunkt der Prorektor der Universität mit am Terminal saß und bei der Erläuterung über die gerade genutzte Datenbank und ihren Umfang in Begeisterung ausbrach und von Unverzichtbarkeit sprach.

Wenn Bibliothekspolitik von solchen Zufällen abhängig ist, ist sie reformbedürftig.

Durch die Erkenntnis der Professoren, einen Service zu haben, der damals einmalig war, wurden zunehmend Besucher der Universität auch in die Bibliothek geführt, mit dem wiederholten Ergebnis, in den eigenen Universitäten nachzufragen, wieso es dort eine solche Stelle nicht gab. Universitäten lagen und liegen im Wettbewerb.Es gibt keinen Grund, hier die Bibliotheken nicht mit einzuschließen. Im Gegenteil, die Wirtschaftlichkeit einerUB ist immer nur in universitärer Gesamtschau möglich. Eine Bibliothek, die für Millionen Wissen erwirbt, um es dann kostenlos zur Verfügung zu stellen, kann nie wirtschaftlich arbeiten.

Sollen aber Bibliotheken mit im Wettbewerb stehen, so müssen sie auch entsprechende Kompetenzen haben. Der Wettbewerb der Universitäten hat sich bereits spürbar verschärft (6). Schon die starke Beeinflussung der Besetzung von Bibliotheksstellen durch die Ministerien hemmt hier die Wettbewerbsbedingungen in den einzelnen Ländern. In der Folge wird erwartet, daß über weite Strecken Entscheidungen mit getragen werden, die für die UB bzw. die Universität teilweise lähmend sind.

Der Bibliotheksleitung werden also Rechte abgesprochen, deren Pflichten sie voll übernehmen muß. Und das, hat die Erfahrung in Ulm gezeigt, kann verherende Folgen haben. Ulm hat als Neugründung unter der Vorherrschaft der UB Konstanz gelitten, da diese einen Monat früher gegründet wurde und von Anfang an einen zentralen Neubau erhielt. Ein Wettbewerb wäre auch hier sicher besser gewesen, als die konsequente Auswanderung eines Fachmannes wie Polacsek und die übermäßige Belastung seiner Nachfolge. Daß eine verhinderte Entwicklung das gesamte Bibliothekspersonal in Spannung versetzt, ist verständlich.

Im November 1985 fand ein internationales Symposium mit dem Titel "The future of academic libraries" im Gästehaus der Universität Ulm, auf Schloß Reisensburg statt, bei dem Nina Matheson, die Nachfolgerin Polacseks an der Welsh Medical Library, über die amerikanischen Planungen bis zum Jahr 2005 und damit über Projekte wie IAIMS (Integrated Academic Information Management System) berichtete. Es war eher deprimierend, zu sehen, wie viele der deutschen Teilnehmer die Hinweise auf die Bibliotheksrelevanz von Expertensystemen, Entscheidungshilfesystemen, Wissensbanken oder der Forderung nach einer neuen Art von Thesaurus, wie dem UMLS (Unified Medical Language System) ignorierten. So mancher Bibliothekar fragte sich oder seinen Kollegen, was dies alles mit seinem Verständnis von bibliothekarischer Arbeit zu tun haben soll. Aus dieser Erfahrung heraus war es verständlich, daß 1987 in Baden-Württemberg die Trennung von buchzentrierter und elektronischer Information als Menetekel auftauchte(7).

Eine Expertengruppe "Wissensbanken", die für die Landesregierung eine Stellungnahme zum Thema "Die mittelfristige Informationsversorgung für das Land Baden-Württemberg" als Grundlage zur weiteren Entscheidung erarbeitete, empfahl u.a. Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß die Benutzer die Möglichkeit haben "auf jedes verfügbare Dokument innerhalb einer Stunde zugreifen zu können." (8). Die Vehemenz, mit der u.a. Pflug ein solches Ziel bei der Bielefelder Diskussion am 19.4.89 angriff, machte ebenfalls deutlich, wie weit der Anspruch von Wissenschaftlern und DV-Kennern von dem vieler Bibliothekare entfernt ist. "Die Bibliothekare in Bielefeld reagierten ... erschreckt - sie zeigten die kalte Schulter" wie Saevecke richtig feststellt (9). Die Folge dieser Entwicklung ist, wie es heißt: "Auf Initiative des Rechenzentrums an der Universität Ulm wurde ... zusammen mit der Universitäts-Bibliothek ein Informations- und Kommunikationszentrum (IKZ) - als gemeinsame Arbeitsstelle von URZ und UB - gegründet." (8).

Es darf nicht verschwiegen werden, daß dies eine Entwicklung ist, die aus unserer Sicht mit allen Mitteln hätte verhindert werden müssen. Die erste IVS einer UB in Deutschland ist damit nach 13 Jahren bereits zur Hälfte als IKZ ausgegliedert worden. Trotzdem kann nicht geleugnet werden, daß dieser Schritt aufgrund deutscher Bibliothekspolitik (und hier spielt sicher auch eine gewisse Verbundenheit mit den Bibliothekaren der DDR eine Rolle) möglicherweise unausweichlich war. Ein gefährlicher Schritt für das Bibliothekswesen ist es auf jeden Fall.

Bereits am 22.10 1982 unternahm die UB Ulm mit dem damaligen Leiter des Rechenzentrums Theo Hansen den Versuch, auf die notwendige Zusammenarbeit zwischen den URZ's und den UB's bei einem Treffen des Arbeitskreises der Leiter Wissenschaftlicher Rechenzentren (ALWR) in Osnabrück hinzuweisen. Die, wie es scheint, nicht viel weniger starren Strukturen im Bereich der Rechenzentren begrenzten allerdings auch hier den Spielraum.

Das URZ Ulm, mit dem die UB über viele Jahre eine ausgezeichnete Zusammenarbeit hatte, war nicht weniger von der Forschung abgekoppelt. Der äußerst tragische Suizid des URZ-Leiters am 11.10.87, dessen Einfluß von Jahr zu Jahr gesunken war, wirft ein grelles Schlaglicht auf die Dramatik der Umstrukturierung einer Universität. Der heutige Leiter ist Professor der Universität.

Wir wissen, daß weltweit in den postindustriellen Staaten der Kampf um das Information Resource Management begonnen hat. Bibliotheken, Dokumentations- und Rechenzentren, sowie Agenturen, "information broker" und eine Reihe z.T. fachfremde Wissenschaftler schicken sich an, diese Aufgabe zu okkupieren.

Was sich in Ulm z.Z. anbahnt, ist eine von mehreren Möglichkeiten. Auch sie sollte sich im Wettbewerb gegen andere, möglicherweise bessere Denkmodelle behaupten. Auch gegen die, daß das Rechenzentrum die Hard- und Softwarevoraussetzungen schafft und die Bibliothek, über inhaltliche Erschließung, Ordnungssysteme und die Verfügbarkeit der notwendigen Informationen, ihren Beitrag leistet.

Ulm hat zum Ziel, eine Wissenschaftsstadt zu werden. Wieweit es hier gelingt, ein entsprechendes Information Resource Management zu realisieren, bleibt abzuwarten. Gefährlich wäre allerdings,wenn man die "Wissensbank" Bibliothek unterschätzen würde. Es ist trügerisch, daß es nicht gelingt, beispielsweise die großen wissenschaftlichen Leistungen in Göttingen mit der dort 1737 entstandenen ersten Forschungsbibliothek in Verbindung zu bringen.Der Grund hierfür dürfte darin liegen, daß wissenschaftliche Leistung auch heute noch über das sog. "brain drain" aus- und zuwandert. Sie erstirbt aber leicht, wenn der Nährboden einer guten Wissensversorgung austrocknet, und hier ist die Bibliothek für den wirklichen Wissenschaftler ein Grundnahrungsmittel. Die moderne Informationsversorgung arbeitet nun durch die Elektronik teilweise wie ein Nervennetz, in dem allerdings weiter die Informationen fließen, die wir bislang in Büchern, Zeitschriften und Reports vorfanden. Neu ist nur, daß nun zunehmend Informationen als Wissen organisiert werden müssen.

Bücher enthalten im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht nur nackte Information, sondern Information in kausaler Verknüpfung und damit menschliches Wissen (natürlich nicht als absolutes Wissen). Moderne Informationsversorgung trägt der Forderung nach Wissensbanken Rechnung. Es geht also vermehrt darum, Information und Wissen aus der Literatur zu extrahieren und zu organisieren, u.a. auch in sog. Hypermedia-Systemen. Die Bibliotheken werden diese Aufgabe nicht allein bewältigen, sie müssen sich aber daran beteiligen.

Die UB Ulm hat sich die sachliche Erschließung der NLM und vieler anderer Datenbankproduzenten sobald als möglich zunutze gemacht. Es kann aber keinen Zweifel darüber geben, daß die beste inhaltliche Erschließung der Zugriff auf Volltext-Datenbanken ist. Es darf nur nicht übersehen werden, daß man dazu auch bessere Retrievalsysteme als die der 60iger Jahre benötigt, und daß dieser Zugriff eine zusätzliche Aufbereitung der Volltexte voraussetzt. Die abenteuerliche Vorstellung, man könnte ganze Bücher elektronisch anbieten, ohne sie vorher bedarfsgerecht partitioniert, assoziiert und deskribiert zu haben, sollte in Bibliothekskreisen fremd sein. Wir sind heute nicht nur in der Lage, zunehmend Volltext auf eigenen Rechnern zu speichern, auf CD-ROM zu erwerben, bzw. über Scanner einzulesen, wir beobachten bereits ein erhöhtes Interesse, auch die speicherfressenden Bilder und Layouts der Publikationen elektronisch verfügbar zu machen.

Dabei sollte aber auch klar sein, daß die inhaltliche Erschließung mit Hilfe eines Thesaurus (die sog. Deskribierung) grundsätzlich nach dem jeweiligen Interessenprofil erfolgen muß. Daß ein Thesaurus einem großen Fragenkatalog gleicht, in dem alle Fragen gesammelt werden, die an das erschlossene System sinnvoll gestellt werden können, ist eine leider oft verkannte Tatsache. Die erste Voraussetzung zur Erstellung eines solchen Systems ist also die Analyse der Interessenprofile der Nutzer. Diese Interessenprofile ändern sich nicht unerheblich, wenn Informationsversorgungssysteme auch Fragen beantworten, die über bisherige Thesauri nicht sinnvoll waren. Hierin liegt die Bedeutung des amerikanischen UMLS.

Gerade die Erfahrung, die Bibliothekare im Auskunftsdienst sammeln, können eine wichtige Voraussetzung für diese Arbeit sein. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß die Erfahrungen in einer IVS deutlich machten, daß Bibliotheken in den vorausgehenden Jahrzehnten Bedürfnisse nicht mehr erkannten, weil ihre Benutzer sie nicht äußerten. Erst der Zugriff auf internationale Hosts hat hier neue Erwartungen geweckt.

Wenn Mittler einen Trend "im internationalen Wettkampf der Wissenschaftsnationen" "vom rein konsumptiven Retrieval bei großen Datenbankanbietern" hin zum Besitz umfangreicher Datenbanken feststellt, so kann diese Einschätzung nur bejaht werden (10). Sie erfordert aber auch völlig neue bibliothekarische Erschließungssysteme, die bislang durch die verkrustete oligarchische Instanz des Inneren Kreises zementiert wurde. Dabei muß allerdings Stoltzenburg in einem wesentlichen Punkt widersprochen werden. Er überschätzt die Bedeutung des Inneren Kreises, da dort weitgehend Ansichten vertreten werden, die vermutlich die Mehrheit der Bibliothekare teilen. Die herrschende "mangelnde Professionalität" (3) durch Überlastung an Ehren- und Nebenämtern sowie die meist zeitraubende Bibliotheksleitung lähmt jede wirklich aktive Bewältigung der anstehenden Probleme.

Das Bibliothekswesen leidet nicht an seiner Oligarchie, es entbehrt eines wirklich wissenschaftlichen Fundamentes.

Um es überspitzt zu sagen: Wir Bibliothekare handeln oft nicht, weil wir nichts wissen. Insofern war es zeitweilig das Beste, was wir tun konnten. Die Bibliothek als Dienstleistungsbetrieb kann keine wirkliche Forschung betreiben, und außerhalb der Bibliothek herrscht erstens graue Theorie und zweitens hat man dort weder Verantwortung noch Einfluß. Es ist bezeichnend, daß die unbestrittenen Leistungen des einzigen Lehrstuhlinhabers für Bibliothekswissenschaft und das internationale Renommee Kaegbeins nicht ausreichte, um diesen Lehrstuhl zu erhalten. Betrachtet man die personelle und materielle Ausstattung dieser Forschungseinrichtung und die Tatsache, daß sie die einzige in der Bundesrepublik ist, so ist dies beschämend. Sicher wäre heute Forschung im Informationsversorgunsbereich eher angebracht als reine Bibliotheksforschung, aber man sollte beides nicht mit Forschung im Informatikbereich oder mit Informationstheorie verwechseln. Eher wäre eine Verwandtschaft mit der Wissenschaftsforschung angebracht. Der gleichnamige Lehrstuhl an der Universität Ulm, der mit Beginn der 70er Jahre eingerichtet wurde, wirkte zwar befruchtend auf die Bibliotheksarbeit, konnte aber unter den gegebenen Bedingungen nicht entsprechend, (etwa in Gemeinschaftsprojekten) genutzt werden.

Fast alle Universitäten erhalten heute ein integratives intelligentes Netz für ihre Informationsversorgung. Dabei sind neue Campus-Universitäten im Vorteil gegenüber den alten Universitäten, die sich z.T. über ganze Großstädte verteilen.

Diese Vernetzung schließt drei Aufgaben ein.

1. Die Lösung der technischen Probleme

2. Die Lösung der theoretischen Probleme.

3. Die Lösung der Verwaltungsprobleme .

Wenn ein solches System evolutionär und nicht revolutionär entstehen soll, so muß zunächst die UB und das URZ mit ihren jeweiligen Aufgaben zusammenarbeiten. Für beide gemeinsam muß aber, und das ist neu, eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung Voraussetzungen schaffen, um sich den modernen Anforderungen anzupassen. Dienstleistungsunternehmen wie UB's und URZ's allein können dies nicht leisten. Der frühere Leiter des URZ Ulm hat als ein Mann, der seine Verpflichtungen ernst nahm, diesen Mangel, nicht ausreichend innovativ wirken zu können, sehr bewußt empfunden. Auch als Bibliothekar fühlt man sich dieser Unzulänglichkeit immer wieder ausgeliefert. Stoltzenburg spricht im Zusammenhang mit dem fehlenden Flucht- und Zielpunkt der Bibliothekare von der individuellen Nörgelei. Sie ist eigentlich nichts anderes als eine Äußerung dafür, daß jeder weiß, daß hier etwas falsch ist, aber jede Grundlage fehlt, es wirklich besser zu machen. Insofern ist die Literatur zu Bibliotheksthemen voll von Bibliothekspolitik, aber mager an wissenschaftlich fundierten Untersuchungen.

Ein Teil der Forschung an einer solchen praxisnahen Entwicklungsabteilung könnte über Projektgelder gefördert werden, aber ständige Verbesserungen, Effektivitätsüberwachungen und Innovationsfolgeuntersuchungen müßten in einem Haushalt verankert sein. Auch wenn gerade in einer solchen Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Wettbewerb der Universitäten wirksam wäre, so hieße das nicht, daß Denkanstöße, Untersuchungsergebnisse oder Gemeinschaftsprojekte z.B. von bzw. mit dem dbi oder der GMD überflüssig wären. Im Gegenteil, es wäre damit zu rechnen, daß hier ein dringend notwendiger gemeinsamer Innovationsschub wirksam würde.

Wiederholt haben verschiedene Bibliothekare in diversen Ländern vorgeschlagen, die Kataloge alle 5, 10 oder 30 Jahre abzubrechen und neu zu beginnen, da der Fortschritt natürlich auch nicht vor der Sacherschließung oder der Formalen Erfassung halt macht. Trotzdem ist dieser Gedanke insofern abwegig, weil wir keine Regelhaftigkeit kennen, die eine dieser Periodizitäten rechtfertigen würde. Auf der anderen Seite muß klar gesehen werden, daß das Einfrieren von Strukturen und Standards auf die Dauer zu teuer wird. In der Diskussion in Bielefeld ist wiederholt der Ruf nach Standards laut geworden. Es kann auch eigentlich keinen Zweifel darüber geben, daß ein großer Teil der Bibliotheksstandards nicht mehr national, nicht einmal mehr kontinental sondern eindeutig interkontinental sein muß. Das deutsche Bibliothekswesen droht zu lange der Fatamorgana einer Vereinheitlichung nachzulaufen. Während man in den USA über METAMARC (11) nachdenkt, wird hier über die Umsetzung der OCLC-Daten sinniert, dabei liegt der Sinn einer Verbundkatalogisierung gerade in der sofortigen Nutzung eines Katalogisates.

Auch die Überlegung, UB-Kataloge auf CD-ROM zu verbreiten, übersieht, daß sich kaum ein Nutzer für den Katalog einer UB interessiert, wenn er nicht gleichzeitig erfährt, ob er das gewünschte Buch auch ausleihen kann. Da aber bekanntlich gerade die gesuchten Bücher die sind, die am wahrscheinlichsten zur Ausleihe kamen, kann ein solcher Katalog nur online sinnvoll angeboten werden. Gerade dies dürfte Bielefeld längst gezeigt haben. Es stimmt zuversichtlich, wenn man hört, daß sich die Bibliothekare nun endlich auch für die Entwicklungen in Netzen wie EARN, JANET, BITNET oder DFN interessieren. Zumindest hat es den Anschein, daß die DFN-Nutzergruppe, die sich am 9.11.1989 konstituierte, hier engagiert. Was der direkte Zugriff auf die jeweiligen Bibliotheksrechner an Veränderungen bringen wird, ließe sich leicht in kleinen Tests zwischen den UB's klären.

Forschung in der Informationsversorgung sollte möglichst sachbezogen durchgeführt und, wenn erfolgreich, sofort in der Praxis getestet werden. Wenn die Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen in Köln beispielsweise seit Dezember 1987 die Einsatzmöglichkeiten von CD-ROM oder die Datenbanksoftware von Cuadras STAR testete, seit dem Frühjahr 1989 die  Verwendbarkeit eines Scanners mit Schrifterkennung für die Online-Nutzung von ganzen Zeitschriften bzw. von Sachregistern ganzer Bücher oder seit Dezember 1989 den Sinn eines HyperCard-Systems für Bibliotheken und Dokumentationen, so ist dies zwar interessant und wichtig, es bleibt aber weitgehend wirkungslos. Das Bibliothekswesen akzeptiert solche Erfahrungen erst, wenn sich eine breite Mehrheit positiv geäußert hat, und die UB's, wenn die gleiche Technologie zu ihrer Verfügung steht. Bis dahin gilt alles als Theorie und als nicht notwendig, als ob die Zeit kostenlos verstreichen könnte. Es wird viel von dem hohen Wert gesprochen, den die Information darstellt. Der wahre Preis, den wir täglich zahlen, indem wir Entwicklungen verschlafen, bleibt meist unberücksichtigt. So haben die meisten UB's ebenso wie Ulm erst im Jahre 1989 CD-ROM akzeptiert, obwohl die Vorteile ganz unzweifelhaft erkennbar waren. Ein Medium wie dieses kann man nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, erst nach ausreichenden Pilotstudien, wie z.B. in Konstanz einführen.

Pflug hat darauf hingewiesen, daß die Zahl fachlich kompetenter Kollegen für die Entwicklung von EDV-Systemen viel zu klein geblieben ist. Die Frage ist allerdings, welche fachliche Kompetenz sie mitbringen müssen. Wir leben nicht mehr in der Zeit der inzwischen klassischen Groß-EDV. Der Bibliothekar von heute muß aus der Vielzahl an Software für Datenbanken die richtige auswählen und nicht mehr wie früher dem Programmierer erklären oder womöglich helfen, solche Programme zu schreiben. Auch hier war und ist die Zusammenarbeit mit den Rechenzentren angesagt. Was aber fehlte und fehlt, sind kleine forschende Teams, die die Informationsstrukturen fortentwickeln. Die Voraussetzung für diese Mitarbeiter ist nicht Wissenschaft als Abfallprodukt, Überstundentätigkeit oder begrenzte Freistellung, es muß ihre zentrale Aufgabe sein.

Das Bibliothekswesen ist seit langem erstarrt, weil es keine wirkliche Forschung betrieb. Das alte Rechenzentrum in Ulm litt unter dem gleichen Handicap.

Es gibt Planungen in Ulm, Forschungsinstitute mit den notwendigen Aufgaben zu betreuen (8), und es gibt Veröffentlichungen, die zeigen, daß Ulmer Wissenschaftler an der Erstellung automatischer Thesauri mitarbeiten (12). Ob diese Ansätze allerdings eine reelle Chance haben, im Informationsversorgungsbereich eine Anwendung zu finden, ist noch fraglich, obwohl dies doch sicher der eigentliche professionelle Sinn sein sollte.

Fachreferenten sind ausgebildete Wissenschaftler, deren Fähigkeiten oft weitgehend brach liegen müssen. Ihre Aktivitäten in Forschung und Lehre wurden sicher nicht nur von den Hochschullehrern in Ulm mit viel Argwohn und Skepsis betrachtet. Wenn es dem Inneren Kreis nicht gelingt, politisch die Weichen für eine Freisetzung dieser Potentiale zu stellen, wenn er nicht die Türen für Forschung und Innovation in den Bibliotheken aufstößt, wird der Niedergang des Bibliothekswesens unaufhaltsam sein.

1. Pflug, G.: Fünfundzwanzig Jahre Datenverarbeitung in deutschen Bibliotheken. Mitteilungsblatt NRW 39 (3) S.227-234 (1989)
2. Heim, H.: Anmerkungen aus Bielefeld. Mitteilungsblatt NRW 39 (3) S.234-242 (1989)
3. Stoltzenburg, J.: Der Innere Kreis als Zentrum deutscher Bibliothekspolitik - Strukturen und Prozeduren - Bibliotheksdienst 23 (5) S.481-498 (1989)
4. Stellenausschreibung Die Zeit
5. Dorsch, K.-D.: Adolf von Harnacks Ernennung zum General direktor der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Bibliothek und Wissenschaft 21 S.160-188 (1987)
6. Der Spiegel
7. Die Informationssysteme der Universitäten in Baden-Württemberg. ZfBB 34 (4) S.257-275 (1987)
8. Großmann, H.-P.: Technische Möglichkeiten für künftige Informationssysteme an wissenschaftlichen Hochschulen. Mitteilungsblatt NRW 39 (3) S.284-290 (1989)
9. Saevecke, R.-D.: 25 Jahre Datenverarbeitung in Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland. ZfBB 36 (5) S.472-475 (1989)
10. Mittler, E.: Lokale Systeme. Ein Diskussionsbeitrag aufgrund Heidelberger Erfahrungen. Mitteilungsblatt NRW 39 (3) S.256-262 (1989)
11. Hinnebusch, M.: METAMARC: An Extension of the MARC Format. Inf. Tech. Libr. 8 (1) S. 20-33 (1989)
12. Güntzer, U., Jüttner, G., Seegmüller, G. und Sarre, F.: Automatic thesaurus construction by machine learning from retrieval sessions. Inf. Proc. Man. 25 (3) S. 265-273 (1989)
13. Fabian, B.: Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (1983)
14. Fabian, B.: Libraries and humanistic scholarship. J. Librarianship 18 (2) S.79-92 (1989)


Last update: 7. February 2000 © by Walther Umstaetter