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Umstätter
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Bei geschichtlicher Betrachtungsweise können wir erkennen, daß die Verdopplungsrate der Literatur mit rund fünfzehn Jahren die zunehmende Verteilung von Büchern und Zeitschriften auf ein nationales Bibliothekssystem vor etwa hundert Jahren notwendig machte. Sie erzwingt heute als nächsten Schritt ein internationales digitales Bibliothekssystem. Das stetig wachsend verteilte Wissen führte bereits 1830 zu der klassischen bibliografischen Dokumentation, die 1963, durch den "Weinberg Report" ausgelöst, den ersten Schritt in die Digitale Bibliothek hinein tat. Eine moderne Bibliothekswissenschaft muß ein komplettes neues Wissensgebäude auf der Basis der Informationstheorie aufbauen, um die Folgen abschätzen zu können, die der Umbruch von der alten papierbasierten Bibliothek zur modernen Digitalen Bibliothek mit sich bringt. Wie 1928 Fritz Milkau, der Begründer des Instituts für Bibliothekswissenschaft in Berlin, brauchen auch wir ein modernes Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Es muß von allen interessierten und kompetenten Fachleuten auf dem Gebiet des Archiv-, Bibliotheks-, Dokumentations- und Informationswesens gemeinsam geschrieben werden, um eine gemeinsame wissenschaftliche Basis zu begründen. Ein solches modernes Handbuch kann natürlich nur ein digitales Handbuch mit multimedialen Qualitäten sein. Eine Wissensbank für Lehrende, Lernende und Praktiker.
In a historical view we can see, that the doubling time of some fifteen years, observable for the growth of literature, made it necessary to distribute books and journals more and more in a national library system roughly one hundred years ago and at a next step into an international digital library system today. The consequently growing distribution of knowledge lead already 1830 to the classic bibliographic documentation which was initially changed 1963 by the "Weinberg Report", doing the first step into the digital library. A modern library science has to build up a complete theoretical scientific building on the basis of the information theory to investigate the consequences of the shift from the oldfashioned paperbased library to the modern digital library. Like Fritz Milkau, the founder of the institute for library science in Berlin 1928, we need a handbook of modern library science. It has to be written by all interested specialists with competence in the field of archives, documentation or information centres and libraries to create a common scientific basis. Such a modern handbook has to be naturally a digital handbook with multimedia qualities. A knowledge base for educators, students and practical men.
Betrachtet man es genau, so kann man sagen: Die Digitale Bibliothek begann mit der modernen (Online-)Dokumentation.
Dieser Satz gilt natürlich nur, wenn die Begriffe
1. Moderne Dokumentation und
2. Digitale Bibliothek
entsprechend geklärt sind. Entscheidend an diesem Satz ist aber, daß er erhebliche Implikationen für den Archiv-, Bibliotheks- und Dokumentations- (ABD)-Bereich und natürlich damit auch für die Ausbildung auf diesem Gebiet hat, weil die alte Trennung von Bibliothek und Dokumentation durch die Digitale Bibliothek obsolet wird.
Um es noch deutlicher zu sagen, die Digitale Bibliothek begann vor etwa dreißig Jahren ihren, von vielen Bibliothekaren anfangs unbemerkten, Siegeszug mit den elektronisch gespeicherten Bibliografien, den sog. Online-Datenbanken und setzt diesen mit CD-ROM und INTERNET unaufhaltsam fort. Sie fügt sich damit in das Informationszeitalter lückenlos ein. Außerdem ist sie die Konsequenz eines Publikationsaufkommens, das sich seit langem alle fünfzehn Jahre etwa verdoppelt, und das eine immer stärkere Zusammenarbeit der Bibliotheken in dieser Welt erzwingt, wenn das Wissen dieser Menschheit nicht unsinnig vergeudet werden soll, weil es nicht ausreichend verfügbar gemacht wird. Damit muß auch vehement der Erkenntnis Wersigs, "daß die Fortschritte in Informatik und Telekommunikation Wissen insgesamt nicht verfügbarer gemacht haben" (Ratzek, W. 1994) widersprochen werden, weil sie aller bisherigen Online-Erfahrung spotten. Wissen, von Wissenschaftlern erarbeitet und publiziert, ist unzweifelhaft tausendfach von Onlinern in Recherchen direkt oder indirekt verfügbar gemacht worden. Ob es in diesen Fällen von den Lesern auch immer nachvollzogen, verstanden oder begründet widerlegt wurde, ist nicht zuletzt eine Frage der zugrundegelegten Paradigmatik. Dies gilt auch dann, wenn bei Wersig Information merkwürdigerweise noch immer als Wissen in Aktion verstanden wird und nicht in seiner fundamentalen Grundgröße der Veränderlichkeit (Umstätter, W. 1992) - in seiner digitalen Bedeutung des panta rhei.
Struktur und Form sind im Fluß der Zeit nur Zustände erhöhter Wahrscheinlichkeit.
Solange zu Zeiten der DDR das "Institut für Bibliothekswissenschaft und wissenschaftliche Information" der Humboldt-Universität zu Berlin noch diesen Namen trug, hätte man sich auf rein wissenschaftliche Information beschränken können und damit Information als Wissen in Anwendung zu verstehen gehabt. Dies wäre allerdings heute ein wesentlich zu enger Blickwinkel. Ebenso war der damalige Versuch, die "Erziehung und Ausbildung von Kadern für das Bibliothekswesen und für die Information und Dokumentation ... mit einem "festen Klassenstandpunkt, einer marxistisch-leninistischen Weltanschauung" zu verbinden (Kubitschek, H. und Freytag, J. 1975) in gewisser Hinsicht unwissenschaftlich. Marxismus-Leninismus zur Grundlage einer Wissenschaft zu machen, ist nur solange legitim, als er selbst wissenschaftlich, d.h. kausal begründbar ist. Wissenschaft muß sich, und dies war bereits ein Desiderat Humboldts, um eine Unabhängigkeit bemühen, die ideologiefrei zur Wahrheitsfindung führt. Daran ändert auch der oft gehegte Zweifel nichts, daß es viele Fragen gibt, für die wir keine wissenschaftliche Antwort finden, und daß es keine absolute Wahrheit gibt. Wissenschaft ist die Sisyphusarbeit auf der Suche nach Wahrheit und nicht ihr Besitz, auf dem man ideologisch insistiert.
In Deutschland (und entsprechend in allen Industrieländern) kam es vor hundert Jahren durch die preußischen Reformen zum offiziellen Wechsel von den Einzelbibliotheken zu einem Bibliothekssystem mit einem geregelten Leihverkehr, bei dem ein Gesamtkatalog an der Berliner Königlichen Bibliothek alle deutschen Bestände verzeichnen sollte. Dies war durch das Literaturaufkommen notwendig geworden. Da dieses sich etablierende Bibliothekssystem eines Industriestaates eine solche Mammutaufgabe der Erschließung nicht allein zu bewältigen vermochte, entstanden in allen Industrieländern parallel in der Zeit davor und danach zunehmend bibliografische Privatinitiativen.
Die wohl bekannteste internationale Bemühung eines weltweiten Literaturnachweises wurde 1892 von Otlet und Lafontaine in Brüssel gestartet, die mit vollem privatem Risiko das "Office International de Bibliographie" (OIB) gründeten, das 1895 die amtliche Anerkennung der belgischen Regierung erhielt und zum "Institut International de Bibliographie" (IIB) führte. Bereits 1898 war der verzeichnete Bestand der geplanten Universaldokumentation auf eineinhalb Millionen gewachsen. Noch weitere zehn Jahre wurde, wie es heißt, daran mit unglaublichem Idealismus weitergearbeitet, bis auch dieses Unternehmen 1908, als unrealisierbar erkannt, sein Ende fand. Übrig blieb die Auseinandersetzung mit der Dezimalklassifikation, die nun zum eigentlichen Aufgabengebiet des IIB wurde (Laisiepen, K., Lutterbeck, E. and Meyer-Uhlenried K.-H. 1980).
Diese Dokumentation, die einer Entwicklung den Namen gab, die bis heute in Gebrauch ist, war sozusagen der Neandertaler des Bibliothekswesens. Sie entstand zu einer Zeit, als man Hollerithmaschinen kannte und Automatisierung in der Dokumentation mit dezimalen Lochkartensystemen in Verbindung brachte. So wurde das IIB bekanntlich 1931, zehn Jahre, bevor Relais-Computer die Szene zu beeinflussen begannen, in Institut International de Documentation (IID) umbenannt. Verständlicherweise glaubte man anfangs, daß Computer Rechner sind, die nur Zahlen und Ziffern verarbeiten können. Diese Dokumentation hatte damit ihre Hochzeit in den fünfziger Jahren. Betrachtet man die Literatur zu den Lochkartensystemen, so kann man diese Art von Dokumentation seit den achtziger Jahren als ausgestorben ansehen.
Auf der gleichen Basis wie die Lochkarten- und Dezimalklassifikationsdokumentation, nämlich auf der Basis der Bibliografien, entstand seit den sechziger Jahren eine moderne Dokumentation, die sog. Online-Dokumentation. Ihre Wurzel liegt in den Abstractorganen bzw. Referateblättern, wie Price, D. J. (1974) vielzitiert in seinem Buch "Little Science, Big Science" nachweist, indem er das exponentielle Wachstum von Zeitschriften und Referateblättern durch logarithmische Auftragung parallelisiert. Aus dieser Betrachtung ergibt sich, daß das "Chemisches Zentralblatt" von 1830 (zu Beginn als "Pharmaceutisches Central-Blatt" bezeichnet, mit 400 Abstracts), als erstes großes internationales Dokumentationssystem kein Zufall war, sondern eher als der Beginn einer kontinuierlichen Entwicklung angesehen werden muß, die seitdem ungebrochen anhielt. Das Chemische Zentralblatt mußte 1969 mit 200.000 Abstracts pro Jahr sein Erscheinen einstellen, da immer deutlicher wurde, daß ein Publikationsaufkommen dieser Größenordnung mit konventionellen Methoden nicht mehr wirtschaftlich zu beherrschen war. Inzwischen wurde es daher durch ein anderes großes internationales Dokumentationssystem ersetzt, die amerikanischen computerisierten und damit digitalisierten Chemical Abstracts (CA) - die allerdings zu Beginn noch als CA Condensates ohne Abstracts maschinenlesbar gemacht wurden.
Auch die Faktenbanken von heute zeigen, daß Deutschland bis zum zweiten Weltkrieg in der Dokumentation durchaus führend war. "Gmelins Handbuch für theoretische Chemie" erschien erstmals 1817 und 1850 als "Handbuch der anorganischen Chemie" in der fünften Edition, während man den "Beilstein", das "Handbuch der organischen Chemie" 1881 begründete.
Etwa zur gleichen Zeit (1833) entdeckte F.F. Runge die Erzeugung der Teerfarbstoffe, so daß die Entdeckung des "Indanthren" Deutschland eine sehr starke chemische Industrie mit den großen tragenden Säulen Bayer, Hoechst (1863) and BASF (1865) brachte. Carl Duisberg half diese 1925 als "I.G. Farben" zu vereinigen. Sie wurden damit zum größten chemischen Imperium der Welt mit einer entsprechenden Dokumentation. Mit dem Zusammenbruch 1947 verlor auch die deutsche Dokumentation ihre Spitzenposition und damit den Anschluß an die Entwicklung der Digitalisierung, ein Verlust, der erst dreißig Jahre später deutlich sichtbar wurde.
Man kann also gut begründet behaupten, daß die Notwendigkeit einer Privatinitiative auf bibliografischer Ebene, bzw. einer Dokumentation in Deutschland von der chemischen Industrie etwa ein halbes Jahrhundert früher erkannt wurde, als es das preußische Bibliothekswesen tat. So betrachtet, war die Dokumentation schon damals Vorreiter eines modernen Bibliothekswesens. Darüberhinaus ahnten die Urheber dieser Dokumentationssysteme die Notwendigkeit einer informativen Erschließung, indem sie Referate mit aufnahmen. Eine Erkenntnis, die bei den Erschließungssystemen der Bibliotheken, wie z.B. bei der RSWK, bis heute nachweislich keinen Niederschlag fand.
Während die indikative Erschließung um so besser sein sollte, je leichter ein Dokument im Original verfügbar ist, damit man in einer Bibliothek keine Aufsätze über die Fernleihe bestellt, die man bereits im eigenen Besitz hat (Abb. 1),
Indikative
Indexierungsbreite
Entfernung
Abb. 1: Abnahme der notwendigen indikativen Erschließung mit dem Abstand vom Originaldokument.
sollte die informative Erschließung um so besser sein, je aufwendiger es ist, ein gewünschtes Dokument zu besorgen, damit man beispielsweise nicht kilometerweit reist, um festzustellen, daß das gesuchte Dokument nun doch nicht gebraucht wird (Abb. 2).
informative
Indexierungsbreite
Entfernung
Abb. 2: Zunahme der notwendigen informativen Erschließung mit dem Abstand vom Orignialdokument.
Daß Dokumentationssysteme mit Abstracts bzw. Referaten aus diesem Grunde besonders gut angenommen wurden, nachdem die recherchierten bzw. zitierten Dokumente immer seltener in der eigenen Bibliothek vorlagen, ist verständlich. So wissen wir, daß Rechercheergebnisse mit Abstracts zu weniger Fernleihen führen als solche, bei denen nur Autor, Titel und Quelle bekannt sind, weil man seltener gezwungen ist, auf Verdacht zu bestellen. So mancher vielversprechende Titel hat sich bereits als Flop erwiesen. Trotzdem mußte er erst auf Relevanz überprüft werden.
Der Übergang zur Online-Verfügbarkeit und damit zum Einstieg in die Digitale Bibliothek kam in Deutschland viel zu spät (bei Beilstein und Gmelin in den achtziger Jahren) bzw. nie (beim Chemischen Zentralblatt). Der anfängliche Mangel an Computern und die international reduzierte Bedeutung der deutschen Sprache behinderten die stetige Entwicklung.
Die moderne Dokumentation wurde, politisch gesehen, durch den Sputnik-Schock initialisiert und 1963 durch den "Weinberg-Report" eingeleitet. Sie erfuhr durch die sog. dritte Computergeneration der Fa. IBM ihre technische Unterstützung. Waren die ersten Zugriffe auf digitalisierte Bibliografien, und damit auf Teilbestände von Bibliotheken, noch off-line (heute merkwürdigerweise gern verwechselt mit CD-ROM-Zugriffen), so bot Lockheed Information Systems (LIS) - heute DIALOG - bereits 1972 seine ersten drei Datenbanken öffentlich on-line (man beachte die damalige Schreibweise) an. Diese Art von moderner Dokumentation griff, von vorherigen Anfangserscheinungen abgesehen, in der Mitte der siebziger Jahre in Westdeutschland Platz, nachdem das IuD-Programm 1974-1977 wirksam geworden war.
Es kann in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, daß es noch auf erhebliches Erstaunen stieß, als in einer der kleinsten Universitätsbibliotheken der Bundesrepublik 1975, in Ulm, eintausendzweihundert Online-Recherchen für Endnutzer durchgeführt wurden. Damit nutzte in Deutschland erstmals eine klassische Universitätsbibliothek eine weltweit verfügbare Digitale Bibliothek, die zunächst nur aus Bibliografien bestand. In den darauffolgenden Jahren machte das rasch Schule.
Nun schreitet diese dokumentarische Entwicklung mit Freitext, Volltext und Mulitmedia Hand in Hand mit dem Bibliothekswesen in dieser Richtung voran. Auch das Archivwesen wird sichtbar von dieser Digitalisierung erfaßt. Durch diese sogenannte digitale Konvergenz, in der auch Massenmedien wie Presse, Rundfunk und Fernsehen eingeschlossen sind, ergibt sich die Notwendigkeit einer klaren neuen Abgrenzung der Bereiche. Sie alle erfordern Fachleute, die einerseits in großer Übereinstimmung tätig sind und trotzdem mit dem gesamten Fragenkomplex völlig überfordert wären. Während z. B. Rundfunk und Fernsehen schon allein wegen ihrer ephemeren Publikationsart für Bibliotheken früher keine Rolle spielten, sind ihre analogen und nun zunehmend digitalen Aufzeichnungen ebenso archivierbar, erschließbar und zitierbar wie Bücher. Um es noch direkter zu sagen, sie sind bereits Teil einer elektronischen Bücherproduktion. Die Definition der Dokumentation, wie wir sie von der FID kennen, ist sehr einfach "the collection and storage, classification and selection, dissemination and utilization of all types of information". Sie ist weitgehend identisch mit der Funktion des modernen Bibliothekswesens.
Während also um 1900 eine inzwischen noch als Dezimalklassifikation diskutierte, aber bereits weitgehend ausgestorbene, Dokumentation entstand, hat das moderne Dokumentationswesen, das wir mit seiner geplanten Digitalisierung auf 1963 zurückdatieren, seine Wurzeln in einer Entwicklung, die 1830 mit einem bisher völlig ungebrochenen exponentiellen Wachstum begann.
Dokumentation schloß natürlich schon seit langem auch Objekte wie Filme, Reportagen, Tondokumente, Kunstgegenstände oder Gesteinssammlungen mit ein, wie Fill in seinem Vorwort zur Dezimalklassifikation deutlich machte. Insofern war es aus der Sicht eines Dokumentars schon seit Jahren unverständlich, daß man im Bibliothekswesen zwischen formaler und inhaltlicher Erschließung unterschied, anstatt Bücher als Objekt zu betrachten, die man weit über die veraltete formale Erfassung hinaus dokumentarisch erschließen kann.
Auch wenn sich viele dokumentarisch Tätige nicht darüber bewußt sind, ist die fortschreitende Integration der Dokumentation in das Grundkonzept der Digitalen Bibliothek unausweichlich. Insofern wäre eine Vorreiterrolle der Deutsche Gesellschaft für Dokumentation (DGD) auf diesem Gebiet möglich, eigentlich sogar notwendig.
Die 16. OLBG-Tagung in Frankfurt und ebenso der eine Woche darauffolgende Bibliothekskongreß in Dortmund haben nach der Frankfurter Buchmesse 1993 erneut deutlich gemacht, daß Archivare, Bibliothekare, Dokumentare und insbesondere die Verlage nun zunehmend realisieren, was eine Digitale Bibliothek bedeutet. So rechnen viele Verlage mit einem explosionsartig ansteigenden Bedarf an sog. elektronischen Büchern beim Weihnachtsgeschäft 1995, auf den sie sich seit der Buchmesse 1994 verstärkt vorbereiten.
Sprach man in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend häufig von der Electronic Library und beschränkte sie, zumindest in den USA, ebenso zunehmend auf Bibliotheken, die ihren Geschäftsgang und ihre Katalogisierung automatisierten (die Bell Labs waren hier ein typisches Beispiel), so tauchte insbesondere in den letzten Jahren im Zusammenhang mit den Multimediaaktivitäten der Begriff Virtuelle Bibliothek auf. Daneben setzte sich allerdings die Erkenntnis durch, daß wir auf dem besten Wege sind, jedwede Art von Information, wie Text, Sprache, Stand- oder Bewegtbild und natürlich auch Wissen, zu digitalisieren. Daher ist es durchaus sinnvoll, wenn bei der Entwicklung von INTERNET und seinen Folgeerscheinungen wie NREN (National Research and Education Network) oder dem sog. Information Super Highway, von der Digitalen Bibliothek die Rede ist.
Die Digitale Bibliothek übernimmt mit jedem Tag mehr und mehr von der publizierten Information dieser Welt, die bislang in den klassischen Bibliotheken zu finden war. Ein entscheidender Punkt in der Digitalen Bibliothek ist, daß sie zu der Trennung zwischen dem Buch als Speichermedium und dem Buch als Ausgabemedium führt. In der klassischen Bibliothek, in der Bücher gesammelt, geordnet und verfügbar gemacht wurden, war das Buch gleichzeitig Präsentations- und Archivierungsgegenstand. Durch die digitale Speicherung dagegen gewinnt die bislang unvermutet hohe Kompression und die unglaublich hohe Präzision beim Kopieren dieser Information unaufhaltsam an Bedeutung. Kein Mönch und kein Gutenberg erreichte je den Wert von 1012 Bit Kopiersicherheit, wie wir ihn heute z.B. bei CD-ROMs durch Fehlerkorrekturalgorithmen sicherstellen können.
Das bedeutet, daß nur ein falscher Buchstabe auf hundert Milliarden Zeichen kommt. Damit ist die digitale Speicherung, entgegen häufig geäußerten Behauptungen, gerade in der Archivierung den herkömmlichen Verfahren gegenüber weit überlegen. Würde man beispielsweise eine CD-ROM mit 500 Mb alle zehn Jahre in wenigen Minuten komplett kopieren, so hätte man nach eintausend Jahren noch immer weniger als einen falschen Buchstaben auf eine Milliarde Zeichen. Die Digitale Bibliothek ist jeder anderen Archivierungsform weit überlegen, weil sie rascher und zuverlässiger als je zuvor kopiert werden kann.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die weltweite Verfügbarkeit der Digitalen Bibliothek, die mit einzelnen Host begann und sich nun mit Millionen über ISO/OSI bzw. TCP/IP vernetzten Computern fortsetzt. Sie ist ein weiterer Schritt von der Privatbibliothek über die nationalen Bibliothekssysteme zu einem internationalen Bibliotheksverbund. Wenn wir also bibliothekarische Arbeit als Aufgabe betrachten, publizierte und archivierungswürdige Information zu sammeln, zu ordnen und verfügbar zu machen, so war und ist dokumentarische Tätigkeit natürlich eine zutiefst bibliothekarische Mitarbeit, die bei verteilten Beständen eine immer größere Bedeutung gewinnt. Sie beeinflußt die Informationslogistik dieser Gesellschaft fundamental.
Abb.
3: Informationslogistik in der papierbasierten Bibliothek.
Während in der klassischen Bibliothek, in der Bücher sowohl ein Speicher- als auch ein Ausgabemedium waren, die optimale Informationslogistik darin bestand, möglichst alle gesammelten Dokumente um einen gedruckten Katalog zu scharen, um bei der Suche möglichst kurze Wege zu erreichen (Abb. 3), erfordert die Digitale Bibliothek, in der jedwede Information digitalisiert gespeichert, komprimiert und über Datenfernübertragung auf Terminals transportiert werden kann, eine völlig neue und vielschichtige Informationslogistik, weil sie einerseits beliebige Ausgabemöglichkeiten ad hoc anbieten kann und andererseits alle herkömmlichen Konkurrenzangebote berücksichtigen muß. Hier stellt das Terminal den Eingang in die weltweit präsente Bibliothek dar, in der auf manche Dokumente nur verwiesen wird und in der andere Druckreif abrufbar sind. Alle angeschlossenen Drucker können als potentielle Bucherzeuger angesehen werden (Abb. 4).
Bibliotheken - Hosts - INTERNET - ISDN - WIN |
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Abb. 4: Millionen Terminals bilden die Eingänge zur Digitalen Bibliothek. Bei ihnen bilden die Drucker die potentiellen Bucherzeuger und die Scanner die Digitalisierer der alten Bestände.
Insbesondere die Attraktion des INTERNETs, bzw. seiner Vorgänger-Netze führte zu Beginn der 90er Jahre zu einem so rasanten Wachstum in der Nutzung digitaler Dokumente, daß neben dem Abruf verfügbarer Informationen auch die Eingabe eigener Beiträge sprunghaft anstieg. Millionen Scanner an den Terminals schaffen damit die Voraussetzung, daß bereits gedruckte Vorlagen täglich der Digitalen Bibliothek zugeführt werden. Das Interpersonal Computing (IPC), bei dem die Invisible Colleges der Welt, z.B. die der Kernphysiker oder der Informatiker, an der Entstehung einer neuen Digitalen Bibliothek arbeiten, macht sich von vielen unbemerkt breit. Wer allerdings die klassisch bibliothekarischen Aufgaben des Archivierens, des Erzeugens einer Synopsis menschlichen Wissens und die Ökonometrie dieser Informationsverwaltung übernimmt, ist z.Z. insofern noch unklar, als sich viele Bibliothekare von dieser Revolution noch überfordert fühlen und viele Laien mit dem typischen Mut der Unkenntnis, auf diesem Gebiet dilettierend in die Bresche zu springen versuchen. Sie tun dies aus der Erfahrung heraus, daß es immer häufiger geschieht, daß sie als Laien mit gesundem Menschenverstand zu besseren Ergebnissen im Bibliotheks- und Dokumentationsbereich gelangen, als die sog. Spezialisten mit ihren anachronistischen Katalogen und OPACs.
Es ist daher sowohl juristisch als auch psychologisch äußerst gefährlich, wenn der Berufsstand der Archivare, Bibliothekare und Dokumentare keine eindeutige zeitgemäße Diktion bei Begriffen wie Information oder Wissen entwickelt. Gerade dieser Mangel an klaren und sinnvollen Definitionen im Bereich der Bibliothekswissenschaft hat es verhindert, daß sich eine sichtbare Qualifikation der Fachleute für Politiker und Geldgeber deutlich abzeichnet. Solange Bibliothekare über RAK und RSWK diskutieren und Dokumentare über DIMDI, DIALOG oder STN nicht hinauskommen, während sich in dieser Welt eine Digitale Bibliothek etabliert, an der sie nicht konstruktiv mitarbeiten, haben sie keinen Anteil an einem Wachstumsmarkt, der sich seit vielen Jahren mit 20% - 30% Zuwachs pro Jahr ausbreitet. Damit sind dem Bibliothekswesen in den letzten beiden Jahrzehnten tausende von Arbeitsplätzen, von den meisten unbemerkt verlorengegangen.
Bei der Umgestaltung der Informationslandschaft dieser Gesellschaft geht es um viel Geld, daß man dabei rational und rationell handeln muß, ist selbstverständlich. Der oft erhobene Einwand, Computer und Datenfernübertragung seien sehr teuer, unterschätzt bei weitem die Kosten und ökologischen Folgen herkömlicher Informationslogistik auf Papierbasis. Man denke nur an die Megatonnen jährlich transportierten Papiers auf deutschen Straßen, an die kilometerlangen Regale in umbauten und klimatisierten Räumen und nicht zuletzt an die Papierproduktion und ihre -beseitigung. Der tägliche Verkauf von einer runden Million Bücher in der Bundesrepublik Deutschland erfordert eine beeindruckende Logistik von den Verlagen, die mit steigenden Personal und Transportkosten immer schwieriger wird.
Was verstehen wir heute unter Bibliothekswissenschaft? Über die Existenz verschiedener Bibliothekswissenschaften ist seit langem viel und kontrovers diskutiert worden - insbesondere über die Frage, ob es eine Bibliothekswissenschaft überhaupt geben kann. Da jedes Problem auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten ist, also durchaus Gegenstand der Wissenschaft sein sollte, sobald es um viel Geld geht, ist die eigentliche Frage hinter dieser Problematik in Wirklichkeit nur, wie man wissenschaftlich an das Bibliothekswesen herangeht, und um den Problemkreis präzise abzustecken, wie wir das Bibliothekswesen definieren.
Hier gibt es bekanntlich nicht nur kontroverse Ansichten, sondern vielmehr auch erhebliche Bemühungen, über den Einfluß auf Aus-, Fort- und Weiterbildung zukünftige Entwicklungen zu steuern. Definiert man Bibliothek als einen Ort, an dem eine Büchersammlung (bzw. anderes Schriftgut) steht, so geht man sicher an einer Reihe von Entwicklungen der letzten hundert Jahre achtlos vorüber. Seit den erwähnten Preußischen Reformen haben wir in Deutschland statt einzelner Bibliotheken ein Bibliothekssystem, das natürlich auch Absprachen und vereinheitlichte Kenntnisse in dieser Berufsgruppe voraussetzte. Damit wurde damals auch ein neuer Berufsstand notwendig.
Definiert man also Bibliothek als ein System, das Bücher und anderes publiziertes Schriftgut in Gemeinschaft sammelt, ordnet und verfügbar macht, so vernachlässigt man noch immer den Übergang mancher Publikation vom Papier auf andere Speicher- und Ausgabemedien. Es ist bemerkenswert, daß bedeutende Vertreter des Verlagswesens seit etwa zwei Jahren wiederholt darauf hinweisen, daß sie keine Papierhändler seien.
Daß Bibliotheken sich bemühen, möglichst umfassend zu informieren, d.h., eine Synopsis anzubieten, ist selbstverständlich. Daß sie dies nicht ohne eine Archivierung zu tun vermögen, ist zwangsläufig und daß sie damit eine Leistung für die Geschichte (bzw. Zukunft) erbringen, ist bereits seit den teilweise in Vergessenheit geratenen klassischen Ideen des achtzehnten Jahrhunderts bekannt. Viele Kulturgüter werden heute von privaten Sammlern, von industriellen Mäzenen oder Gesellschaften als Geldanlagen betrachtet und als solche erworben und geschützt. Bibliothekarische Kleinodien gehören sicher mit dazu. Dies geschieht zum Teil, weil der Staat seiner Aufgabe, gemeinwirtschaftlich zu handeln, seit längerem in diesem Punkt nicht mehr gerecht wird. Für den wissenschaftlichen Fortschritt in dieser Welt ist dies auf Dauer keine akzeptable Lösung.
Es gibt Ziele, die der Einzelne hat, und für die er bezahlen muß, und es gibt Ziele, die eine Gesellschaft hat, für die ihre Mitglieder gemeinsam anteilmäßig zahlen. Somit hat auch der Staat kein Recht, seine Verantwortung in der staatlichen Informationslogistik auf einzelne Personen oder Gruppen mit dem Hinweis abzuschieben, er habe kein Geld. Weder das IuD-Programm der siebziger Jahre mit dem Slogan vom informierten Bürger und der Informationsversorgung zum Nulltarif, noch das andere Extrem der achtziger Jahre, mit dem Versuch, im Informationszeitalter die Information möglichst teuer an jeden Bürger einzeln zu verkaufen, (schon allein, um das Gefühl für den Wert der Information zu schulen) geben einen gesellschaftspolitischen Sinn.
Eine planvolle Informationslogistik ist in einem Staat, ebenso wie in jedem Betrieb oder in einem Verein, wichtig und erfordert die Trennung zwischen gemeinsamen Zielen und Privatinteressen, die bekanntlich gegensätzlich sein können. Auch Archivmaterial, soweit es nicht für die Öffentlichkeit gesperrt ist, kann durch seine Digitalisierung über Bildschirme, die bereits als Eingänge zur Digitalen Bibliothek dienen, verfügbar gemacht werden. Wichtigster Unterschied in dieser digitalen Konvergenz, und dies zeichnet sich immer deutlicher ab, ist die Frage, wer wann unter welchen Bedingungen Informationen erhält und erhalten muß. Dies grundsätzlich über die Kosten zu regeln, ist nicht nur unsozial, es ist vielmehr unsinnig, solange die juristischen Grenzen zu unscharf sind.
Da gibt es Archivmaterial, das gleichgültig für welchen Betrag, nicht veräußert werden darf und umgekehrt Informationen, auf die bestimmte Nutzergruppen ein Recht haben, auch wenn sie keinen Pfennig zahlen. Man kann nicht von Demokratie sprechen, wenn der Wähler oder die Wählerin keine Chance hat, die wichtigsten Entscheidungskriterien zu erfahren. Wieviel Information allerdings zum aufgeklärten und produktiven Bürger gehört, ist eine Frage der finanziellen Voraussetzungen und der Ziele einer Gesellschaft. Sowohl im öffentlichen als auch im wissenschaftlichen Bibliothekswesen ist die eigentliche Frage bekanntlich nur, wie hoch muß die Informationsversorgung sein und ab wann muß eine Eigenbeteiligung greifen.
Merkwürdigerweise liest man im Bibliotheksplan '93 wenig von der informationslogistischen Aufgabe der Bibliotheken, obwohl natürlich die ganze Zeit indirekt die Rede davon ist. Dies zeigt aber, daß zum einen das Bewußtsein dafür noch nicht vorhanden ist und zum anderen, daß damit noch kein klares Konzept vorliegt.
Wirtschaftlichkeit einer öffentlichen Bibliothek im Sinne eines Vermarktens von Information ist ein Widerspruch in sich. Auch wenn man zunehmend den Eindruck gewinnt, daß so manche Kommune beim Schwarzer-Peter-Spiel - wer den Schwarzen Peter hat, der zahlt - Informationen möglichst gewinnbringend verkaufen möchte. Die Trennung von Buchhandlung und Bibliothek vermischt sich nach den Vorhersagen englischer Experten des Library 2000 Reports. Dabei hat aber natürlich auch noch keine Buchhandlung Informationen im Sinne des Urheberrechts verkauft. Bücher sind Kopien und damit eindeutig Redundanz einer urheberrechtlich geschützten originären Information. Daß der Gesetzgeber dabei nicht zwischen der fachlichen und der z. B. künstlerischen Information unterscheidet, er spricht von "Geistesschöpfung", sondern das Buch als Gesamtheit neuer Schöpfung versteht, ist eine Vereinfachung, die wir z. Z. zumindest noch akzeptieren müssen, weil sie, auf das Buch angewendet, bisher so funktionierte.
Abb. 5: Unter künstlerischen Gesichtspunkten ist der linke Teil der Abbildung Information, einmalig und urheberrechtlich zu schützen. Die rechte Gleichung ist dagegen erstaunlicherweise insofern keine Information, als die Gleichung nicht neu und nicht einmalig ist. Außerdem ergibt sie sich lediglich aus den Regeln eines mathematischen Gedankengebäudes der Informationstheorie. Durch den hohen Anteil an kausaler Ableitung enthält sie vielmehr Wissen statt Information.
Problematischer wird diese Einheit von Inhalt und Aufmachung jedoch, wenn die Trennung von digital gespeicherten Dokumenten und ihren variantenreichen Ausgaben, z. B. über Postscript gedruckt, über WWW im INTERNET oder über ToolBook auf dem PC angeboten, fortschreitet. Eine stärkere Trennung von Information, Redundanz und Noise wird dann voraussichtlich immer notwendiger. Daß wir dabei auf recht merkwürdige Erscheinungen treffen, soll Abb. 5 deutlich machen. Juristen dürfte dies allerdings kaum in Erstaunen versetzen.
Stellt man sich auf den Standpunkt, was wiederholt geschieht, daß ein Buch für jeden neuen Leser eine Informationsquelle ist, und daß damit jeder Leser beim Kauf sozusagen die Nutzungsrechte an dieser Information erwirbt, um beispielsweise einen wirtschaftlichen Vorteil zu gewinnen, so hat er natürlich all denen gegenüber, die diese Nutzungsrechte ebenfalls besitzen, keinen Informationsvorsprung. Er müßte also mit jedem weiteren Verkauf einen Teil seines beim Kauf ausgegebenen Geldes zurück erhalten. Eine volle Rückerstattung wäre fällig, sobald, was wesentlich häufiger geschieht, man eine sog. Information erwirbt, die man bereits besitzt. Dies wäre insbesondere dann notwendig, wenn Informationen unter verschiedenen Überschriften, in verschieden verschleierten Angebotsformen oder in untrennbaren Gesamtpaketen veräußert werden. Diese Betrachtung bestätigt also, daß gedruckte Bücher, CD-ROMs, etc. informationstheoretisch reine Redundanz darstellen. Je größer die Auflagenzahl, desto billiger wird zwar schon heute ein Buch, aber die Verbindung zum Wert der Information wird meist übersehen. Da man Bücher seit ihrer Existenz zitieren, inhaltlich widerlegen, fehlinterpretrieren oder vorlesen kann, ohne sie käuflich erworben zu haben, sind solche Nutzungsrechte zumindest bislang recht fragwürdig.
Information ist per definitionem in einer Gesellschaft mit Copyright oder Urheberrecht einmalig. Jede Kopie einer Information ist automatisch und unzweifelhaft Redundanz. Das Problem ist nur, daß Juristen ebenso wie Laien meist nicht wissen, was der Unterschied zwischen Information und Redundanz ist. Insofern wird in unserer Gesellschaft nicht nur die Bedeutung von Information im Informationszeitalter unterschätzt, vielmehr wird die Bedeutung von Redundanz als Sicherung einer Information, als Basis zur Erzeugung neuen Wissens und als Voraussetzung zu einer verbesserten Informationslogistik weit unterschätzt.
Auch die Verwechslung von Information mit sog. Rauschen oder Noise trübt in weiten Bereichen den Blick für die volkswirtschaftlichen Verluste, die durch diesen Noise entstehen. Die moderne Bibliothekswissenschaft hat mit dem Bit eine klar definierte und ubiquitär geltende Einheit für Information. Sie kann und muß auf der Basis der Informationswissenschaft ihr gesamtes Wissenschaftsgebäude aufbauen, nachdem sich dieses Konzept in der Informatik eindeutig als funktionsfähig und brauchbar erwiesen hat. Die Informationswissenschaft, an deutschen Hochschulen von Henrichs, N., Kuhlen, R., Lustig, G.und Wersig, G. (Buder, M.; Rehfeld, W.; Seeger, T. 1990) vertreten, muß damit die Basis für die Bibliothekswissenschaft bilden.
Wenn Harold Borko (1968) angewandte Informationswissenschaft hauptsächlich im Dokumentationsbereich angesiedelt sah, und Wersig (1990) "in der bundesdeutschen Informationswissenschaft" eine Aufspaltung in die "Retrievalwissenschaft" und die "Wissenschaft für und über die Einrichtungen der Fachinformation" beobachtet zu haben glaubt, so kann dies natürlich keinesfalls diesem Begriff gerecht werden. Wissenschaft über die Information ist eine sehr grundsätzliche, die sich aus der Informationstheorie und natürlich auch aus deren Auswirkungen auf die Informationspraxis zusammensetzen muß.
Buchhändler wie auch Bibliotheken sind also keine Informationslieferanten im Sinne von Informationsverkäufern, wie viele behaupten, sie sind fast ausschließlich Dienstleistende, die bei der Sicherung von vorhandenen Informationen in unserer Gesellschaft mithelfen. Sie schaffen Redundanzen. Sie tun dies über Kataloge, Auslagen, Werbeprospekte und Empfehlungen, kurz, über die Förderung von Auflagenzahlen. Wobei es den Bibliotheken bisher vorbehalten war, überflüssig hohe Auflagenzahlen und damit volkswirtschaftliche Unkosten dadurch zu minimieren, daß das einzelne Buch allgemeiner verfügbar gemacht wurde. Andererseits schufen sie einen Markt für die Publikationen, die im privaten Bereich keine ausreichende Auflagenzahlen erreichen konnten.
Wie geht man wissenschaftlich an das Bibliothekswesen heran? Wissen bedeutet, vorhandene Informationen begründen zu können. Dies kann deduktiv oder induktiv geschehen. Wir können also aus vorhandenem Wissen auf ein logisch konsequentes schließen, um es dann mit der Information zu vergleichen, die dazu gehört, (d.h. wir prüfen, ob unsere Voraussage auf den Einzelfall zutrifft) oder wir interpretieren eine erhaltene Information, indem wir sie von uns bekannten Grundlagen ableiten.
In diesem Sinne ist analytische Bibliothekswissenschaft die Erklärung bzw. die Vorhersage bibliothekarischer Entwicklungen. Da bei weitem nicht alle Entwicklungen kausal, geschweige monokausal begründbar sind, begnügen wir uns in der Grauzone der Wissenschaftlichkeit oft mit Heuristiken ausreichend großer Redundanz bzw. Verläßlichkeit. Auch wenn wir z. B. nicht wissen, warum sich das Publikationsaufkommen etwa alle fünfzehn Jahre verdoppelt, so führen wir es doch hauptsächlich auf die wachsende Zahl potentieller Autoren zurück. Warum diese Autoren in erster Näherung weder weniger noch mehr publizieren als ihre Vorgänger, bleibt offen. Nur die Feststellung, wo viele Autoren sind, sind entsprechend viele Publikationen, finden wir in unserer Heuristik wiederholt bestätigt. Daß dabei immer mehr Koautoren gemeinsam an einer Publikation beteiligt sind und somit der Anteil eines jeden Autors pro Veröffentlichung sinkt, ist ein anderes Phänomen, daß wir nun wiederum auf das wachsende Teamwork in Projektarbeiten zurückführen.
Wissen ausschließlich auf die Kausalität zurückzuführen, ist insofern umstritten, als es wiederholt Stimmen gibt, die seit Heisenberg jede Kausalität anzweifeln. Daß dabei aber eine Art Monokausalität - jeder exakt bestimmte Zustand kann zwangsläufig nur zu ein und dem selben Folgezustand führen - vorausgesetzt wird, darf nicht übersehen werden. Der einfältige Laplace'sche Dämon, der nur eine einzige monokausale Bewegung in die Zukunft voraussagen konnte, ist tot. Daß gerade die Katastrophen- bzw. Chaostheorie uns zeigt, daß ein bestimmter Ausgangszustand auch durchaus mehr als nur einen einzigen Folgezustand auslösen kann, ist inzwischen bekannt. Trotzdem muß meines Erachtens hier von Kausalität gesprochen werden, da die möglichen Folgezustände durchaus zwangsläufig und in ihrer Zahl begrenzt sind. Damit müssen moderne Wissensbanken auch polykausale Schlußfolgerungen zulassen.
Bevor eine Wissenschaft ihre Analytik einsetzen kann, muß sie zunächst als beschreibende Wissenschaft Informationen zum eigenen Wissensgebiet sammeln und ordnend bzw. klassifizieren. Ebenso wie die Biologie hat die Bibliothekswissenschaft daher in ihrer Geschichte zunächst Material gesammelt und beschrieben. Erst nach dieser Phase, in der z. B. Informationen zu Handschriften, zu Drucken, zu Büchern, zu Bibliotheken, zu Bibliothekssystemen, zu Bibliografien, zur Bibliotheksnutzung, zu Verwaltungsvorgängen u. v. a. gesammelt und kategorisiert worden sind, in der also die deskriptiven Bibliothekswissenschaften vorherrschten, kommen wir heute zunehmend in die Situation, Erklärungen und Vorhersagen für das Information Resources Management (IRM) liefern zu können.
Durch die Meßbarkeit der Information in Bit und durch die zunehmende Digitalisierung bibliothekarisch relevanter Dokumente entsteht heute ein informatorisches Fundament der Bibliothekswissenschaft, daß die scheinbar verschiedenen Spezialbeschreibungen früherer Zeiten einer digitalen Konvergenz zuführt. Wie in der Biologie finden natürlich auch in der Bibliothekswissenschaft die verschiedensten Wissenschaften ihre Anwendung. Trotzdem sollte man auch hier nicht von den Bibliothekswissenschaften sprechen, weil sich alle Beobachtungen in ein gemeinsames kausal bzw. heuristisch aufgebautes Gebäude, das in sich möglichst widerspruchsfrei sein muß, einzuordnen haben.
Das publizierte Wissen dieser Welt auf einer informationstheoretischen Grundlage zu sammeln, zu ordnen und allgemein verfügbar zu machen, und dies unter synoptischen, archivalischen und gesamtökonomischen Gesichtspunkten, ist damit die Aufgabe, die die neue Bibliothekswissenschaft untersuchen muß.
Nicht jede Beschreibung einer Bibliothek ist natürlich wissenschaftlich. Beschreibende Wissenschaften setzen voraus, daß man weiß, was bereits bekannt, d.h. beschrieben wurde und was dem neu hinzugefügt werden sollte, weil es typisch oder bemerkenswert widersprüchlich ist. Sie erfordern den Blick für wesentliche Strukturen und die richtige Einordnung von Einzelbeobachtungen.
Analytische Bibliothekswissenschaft erfordert dagegen Grundkenntnisse der Informationstheorie und Statistik ebenso, wie die Fähigkeit der korrekten Interpretation der daraus resultierenden Ergebnisse. Daß sich Bibliothekswissenschaft weiterhin neben den Problemen der digitalen Konvergenz auch mit dem "alten Buch" und all seinen Konsequenzen (z. B. seiner geschichtliche Bedeutung, seinen chemischen Prozessen bei der Lagerung oder seiner sich wandelnden Hermeneutik) wissenschaftlich auseinandersetzen muß, ist selbstverständlich und unverändert.
Weil Bibliotheken die wichtigsten informationslogistischen Zentren publizierten Wissens waren und noch immer sind, ist Informationslogistik mit Sicherheit einer der bedeutendsten Schwerpunkte moderner Bibliothekswissenschaft. Dabei sollten wir unterscheiden, wann die Informationslogistik das Ziel verfolgt, die breite Öffentlichkeit mit der notwendigen Grundversorgung an Information (Lesen, Schreiben, Rechnen - vom Bilderbuch über Jugendbuch bis zur Belletristik - von der kommunalen Information über grundlegende juristische oder geschichtliche Kenntnisse bis hin zum naturwissenschaftlichen Wissen) zu versehen, und wann sie darauf abzielt, Informationsvorsprünge zu gewinnen, wie dies in der privaten Wirtschaft notwendig ist. Letzteres erfordert zum Teil völlig andere Voraussetzungen in der Beschaffung, Erzeugung und Geheimhaltung.
Das internationale Informationsmanagement hat bekanntlich die hohe Bedeutung der Erzeugung, Auffindung und Vermarktung von Information erkannt. Die Kosten einer ordentlichen Archivierung werden dagegen oft gescheut, weil man bisher nur eines klar erkannt hat, nämlich daß nur die Information, die andere brauchen, marktwirtschaftlich von Wert ist. Das eigentliche IRM, also die Verwaltung bereits vorhandener Information, ihre Lagerung, Bereithaltung, Sicherung und Verfügbarmachung für eine breite Gesellschaft, blieb in den letzten Jahrzehnten weitgehend auf der Strecke, in der Hoffnung auf bessere Zeiten. So beobachten wir seit einigen Jahrzehnten, daß jede Universitätsbibliothek für sich betrachtet durch Kaufkraftschwund und Literaturwachstum bedingt alle paar Jahre die Hälfte dessen zu erwerben vermag, was sie vordem noch zu sammeln vermochte.
Während die Digitalisierung des vorhandenen Wissens ein Milliarden verschlingendes Projekt ist, das es wissenschaftlich zu begleiten gilt, um unnötige Kosten zu sparen, verspricht die digitalisierte Information, um den Faktor Hundert billiger in der Erzeugung, im Transport und in der Archivierung zu sein.
Für die Durchsetzung eines zeitgemäßen europäischen IRM-Konzepts mit einer ökonomisch vertretbaren Informationslogistik wäre es wichtig, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Sie erfordert die Einbindung klassischer Bibliotheken ebenso wie die Weiterentwicklungen der Hosts zu Digitalen Bibliotheken. In diesem Zusammenhang sollte die klare Trennung zwischen den Informatikern, die sich hauptsächlich mit Hard- und Softwareproblemen dieser Informationslandschaft beschäftigen, und den modernen Bibliothekaren, die hauptsächlich für die Organisation der Inhalte in Daten- und Wissensbanken zuständig sind, hervorgehoben werden. Bei näherer Betrachtung sind dies nicht nur verschiedene Wissensgebiete, es sind auch ausreichend große Gebiete, die jeweils die volle Aufmerksamkeit eines Spezialisten erfordern.
Um den zeitgemäßen Aufgaben der Bibliothekswissenschaft gerecht zu werden, ist es notwendig in der Aus-, Fort- und Weiterbildung ein Handbuch der Bibliothekswissenschaft verfügbar zu machen. Damit knüpft das Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt Universität zu Berlin an eine Tradition, die auf den Gründer Fritz Milkau zurückgeht, der 1928 auch die Notwendigkeit eines zeitgemäßen Handbuchs der Bibliothekswissenschaft, für den damals neu erwachsenden Berufsstand des Bibliothekars erkannte und dieses folgerichtig begründete. Unter den heutigen Voraussetzungen des IPC ist es naheliegend, daß ein DHB multimediale Eigenschaften voll nutzt. Es ist ebenso naheliegend, daß es zur häufigen Nutzung auf einer CD-ROM verfügbar ist, in Teilabschnitten, die zum Druck geeignet sind, in Buchform erscheint und natürlich auch im Online-Dialog all denen zur Verfügung steht, die sich kurzzeitig informieren wollen.
Während das gedruckte Buch auch heute noch unbestreitbare Vorteile beim Lesen oder beim Repetieren hat, bietet die CD-ROM XA mit ihrer Speicherkapazität die Voraussetzung für ein Lehr- und Handbuch, in dem nicht nur linear oder hypertextartig gelernt, sondern auch durch vielfache Retrievalfunktionen in Datenbanken gezielt "nachgeschlagen" werden kann. Eine solche CD-ROM XA kann auch als Archivform und damit als zitierfähiges Objekt dessen gewertet werden, was online im Netz durch IPC des bibliothekarischen Invisible Colleges praxisorientiert entsteht. Alle Dokumente sind in Dateien abgelegt, so daß die wichtigen Informationen gezielt gesucht und geordnet angezeigt werden können. Überflüssige Redundanzen sind so weitgehend vermeidbar. Neben Text, Ton, Bild und Bewegtbild sind natürlich auch Modelle, Simulationen oder Wissensbanken einsetzbar.
Das DHB kann als Grundlage für ein Fernstudium eingesetzt werden. Es kann die Basis für eine moderne Bibliothekswissenschaft dienen und es könnte die Lehre in Europe vergleichbarer machen. Die DGD steht heute in der Pflicht an dieser Aufgabe, auf die Digitale Bibliothek hinzuwirken und ihrer Vorreiterrolle gerecht zu werden.
Borko, H.: Informationswissenschaft: Was ist das?
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(Wachstum der Referateblätter: s. Price:
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Ratzek, W.: Den sinnvollen Umgang mit Wissen
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(Aufsatz im Volltext)
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